Gerd Forster: Tod auf der Orgelbank.
02.05.2005
Beunruhigende Gemütlichkeit
Lieben Sie auch die langsamen, fast bedächtigen Kriminalgeschichten, abseits von spektakulären Verfolgungsjagden und brutalen Szenen? Gerd Forster legt hier fünf interessante Kurzkrimis vor, die gerade in ihrer bürgerlichen Gemütlichkeit beunruhigen, aber vorzugsweise in einem bequemen Ohrensessel zu sich genommen werden sollten.
Gibt es den bürgerlichen Krimi? Ja es gibt ihn, möchte man ausrufen, nachdem man die fünf kurzen Kriminalgeschichten, in Sprache und Stil auf ihren Inhalt gut abgestimmt, gelesen hat. Die allesamt in mehr oder minder bürgerlichen Szenerien angelegten Storys verzichten auf blutige und spektakuläre Beschreibungen von verbrecherischen Taten, auch wenn sie durchaus stattfinden. Gleich zu Beginn, in "Tod auf der Orgelbank", wird zum Beispiel ein Organist in die Luft gesprengt, was ja bekanntlich nicht ganz unblutig abgehen dürfte. Doch der Autor verzichtet selbst hier auf drastische Schilderungen und stellt stattdessen das soziale Umfeld in den Vordergrund. Die eigentlich kriminalistische Arbeit wird von dem Musikliebhaber Bagelein übernommen, ein Bildungsbürger wie er im Buche steht, dem der Leser bei seinen Überlegungen vergnüglich und gerne über die Schulter schaut.
Gemütliche Reise in die Abgründe des Verbrechens
Alle fünf Geschichten, so kann man zusammenfassen, lassen sich geradezu gemütlich lesen, sollten daher langsam und bedächtig zu sich genommen werden. Welch Glücklicher, der sich in unserer sprichwörtlich schnelllebigen Zeit noch der Muße hingeben kann und genüsslich Seite um Seite genießt. Anders gesagt: Wer atemberaubende Storys mag, der ist hier wahrlich falsch beraten. Vielmehr sollte hier der berühmte Ohrensessel zum Einsatz kommen, dessen Ohren jedoch während der Lektüre keineswegs zum Wegnicken Verwendung finden, da die psychischen und sozialen Verbindungen der beschriebenen Figuren sprachlich durchaus subtil und interessant in Szene gesetzt werden. Hervorzuheben ist auch, dass hier keine superschlauen Kommissare zum Einsatz kommen, sondern vielmehr Spürnasen am Rande, welche die entscheidende Ermittlungsarbeit leisten. Die offiziellen Ermittler werden dagegen vermehrt Opfer ihrer jahrelang kultivierten Betriebsblindheit und können die wahren Hintergründe der Tat in der Regel wenig erhellen und so das Verbrechen an sich nicht verstehen. Und genau dies zeichnet alle fünf Geschichten von Gerd Forster aus: es geht ihm vor allem um das Verstehen der Hintergründe. Machen Sie sich also bereit für eine gemütliche Reise, um auf langsame aber subtile Art zu den Hintergründen und damit auch den Abgründen der verschiedenen Verbrechen zu gelangen. Und wie gesagt: Ohrensessel nicht vergessen.
Frank Kaufmann
Gerd Forster: Tod auf der Orgelbank.
Kriminalgeschichten.
Gollenstein Verlag. 2004.
Geb. 280 S. 18,50 ¤.
ISBN 3-935731-74-4