Boris Akunin: Die Bibliothek des Zaren
16.05.2005
Fremd in Moskau
Neuer Held, neue Zeit, alte Brillanz. Wieder einmal ein Akunin zum vergnüglichen Weglesen – aber das Vergnügen ist diesmal nicht ganz ungetrübt.
Boris Akunin meint es nicht gut mit seinen Serienhelden. Erast Fandorin, das Superhirn, wird kaltlächelnd abserviert, die Nonne Pelagia verschwindet nach nur drei grandiosen Fällen auf mysteriöse Weise in der überbordenden Phantasie ihres Schöpfers.
Da Akunin aber nicht daran denkt, mit der Eliminierung seiner Helden auch das Schreiben aufzugeben, muss ein neuer Protagonist her. Nikolas Fandorin heißt er, ist ein in England heimischer Nachfahre des großen Erast, zudem Historiker, reichlich farb- und ambitionslos, und sein erster Fall führt ihn zurück in die Urheimat, das inzwischen vom Weh des Frühkapitalismus geplagte, von der Krake Mafia gewürgte Russland.
Familienangelegenheiten. Im Nachlass des Vaters findet sich eine Hälfte eines Dokuments, das Kornelius von Dorn, der Stammvater der Fandorins. hinterlassen hat. Die andere lagert in einem russischen Archiv, also muss Nikolas nach Moskau, denn schließlich, so legen es von Dorns kryptische Aufzeichnungen nahe, geht es möglicherweise um einen Schatz, aber wenigstens doch um Stoff für eine neue wissenschaftliche Arbeit.
Und natürlich kommt es jetzt so, wie es in einem Krimi kommen muss: Auch andere sind hinter den Dokumenten her und Nikolas gerät von einer Verlegenheit in die nächste. Er bewegt sich, von finsteren und unbekannten Gegenspielern bedrängt, durch eine fremde Gesellschaft, findet Freunde, die Freunde sind oder Feinde und Feinde, die keine Feinde zu sein scheinen, es aber dann doch werden oder nicht.
Aber Akunin wäre nicht Akunin, hätte er nicht ein Bonbon auf Lager. Abwechselnd zu den Kapiteln, in denen Nikolas’ Irrungen und Wirrungen im russischen Hier und Jetzt geschildert werden, erzählt uns der Autor die Geschichte von Dorns. Eine Geschichte in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts, und auch von Dorn ist ein Fremder, der nach Russland kommt, und auch er findet Freunde und Feinde und, man ahnt es bald, auch tatsächlich einen Schatz, die schon im Titel angekündigte „Bibliothek des Zaren“.
Das alles ist höchst unterhaltsam, ja, unterhaltsamer als 99 Prozent dessen, was uns für gewöhnlich an „historischen Krimis“ (oder wenigstens halbhistorischen) unter die Augen kommt. Daneben beweist Akunin mit der Einführung seines neuen Serienhelden Mut, denn Nikolas Fandorin hat so gar nichts vom genialen Ermittler, da schlägt er völlig aus der Familienart. Ein Langweiler ist Nikolas, sagen wir es offen, man schaut als Leser weder zu ihm auf noch möchte man diese vage Figur beschützen, wenn es wieder einmal um Leben oder Tod geht.
Macht aber nichts. Nikolas wird sich weiterentwickeln und wenigstens ist er fix beim Finden einer russischen Ehefrau. Was indes verhindert, dass aus der „Bibliothek des Zaren“ nicht nur ein lesenswerter, sondern ein vorzüglicher Roman wird, ist etwas anderes. Es fehlt nämlich diesem Roman ganz entschieden die Atmosphäre. Nirgendwo fühlen wir uns heimisch (da geht es uns wie von Dorn und Nikolas), weder im Russland des 17. noch im Russland des 20. Jahrhunderts. Das Nebenpersonal ist gewohnt skurril, aber mehr auch nicht. Die Erzählebenen sind topografisch und inhaltlich schön miteinander verwoben – zu schön; man durchschaut die Masche schnell und irgendwann interessiert sie einen nicht mehr.
Sehr schade, denn, noch einmal, das Ganze ist vergnüglich zu lesen. Ein wunderbarer Oberflächenroman, auf den man als Autor stolz sein könnte, hieße man nicht zufällig Boris Akunin. Als solcher kann man mehr und es steht zu hoffen, dass Nikolas’ nächstes Abenteuer uns tiefer in die Geschichte zieht. Falls es ein nächstes Abenteuer gibt. Falls es Nikolas Fandorin noch gibt.
Dieter Paul Rudolph
Boris Akunin: Die Bibliothek des Zaren. Aus dem Russischen übersetzt von Birgit Veit. Goldmann, München, 2005. Taschenbuch, 384 S., EUR 8,95.
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