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D.W. Buffa: Evangeline

30.05.2005

 
Zitterpartie im Gerichtssaal

Wie auch in seinem früheren Gerichtskrimi “Nichts als die Wahrheit” sind es wieder existentielle Fragen, die in dem neuen Thriller "Evangeline" von Dudley Buffa im Mittelpunkt stehen.

 

Eine Zitterpartie im Gerichtssaal, es geht um Leben oder Tod. In diesem Fall ist es der Tod, es geht um seine Bedeutung und um die Frage, ob oder unter welchen Umständen der Mensch ihn herbeiführen darf.

Die Evangeline ist eine schmucke hypermoderne Yacht, die auf ihrer Jungfernfahrt in einem apokalyptischen Sturm all ihren technischen Schikanen zum Trotz unvermittelt sinkt. Vierzehn Männer und Frauen, unter ihnen der Kapitän des Bootes Vincent Marlowe, können sich in letzer Minute retten. Allerdings zu einem hohen Preis. Nur sechs der Schiffsbrüchigen überleben die wochenlange Odyssee in einer Rettungsinsel im Atlantik. Sie töteten die anderen Bootsinsassen, um mit Hilfe ihres Blutes zu überleben.

Jetzt wird Marlowe des Mordes angeklagt. Anscheinend war er der Verantwortliche, der die Morde der anderen acht nicht nur anregte, sondern nach Einsatz eines Losverfahrens auch ausführte. Verhandelt werden soll nicht die spektakuläre Tatsache des Kannibalismus, verhandelt wird das menschliche Recht zu töten, ungeachtet der Frage, ob es letztlich dem Leben nützte.

Auch wenn sich herausstellt, daß Staatsanwalt und Verteidiger gemeinsame Erfahrungen mit der schrecklichen Wirklichkeit des Schiffbruchs haben - der eine verlor seinen Vater auf See, der andere ertrank während des zweiten Weltkriegs beinahe im Pazifik - handelt es sich um ein ungewöhnliches Verfahren, das alle Beteiligten an die Grenzen ihres Vorstellungsvermögens treibt.

Während der Anwalt William Darrnell voller Zweifel um das Leben seines Mandanten kämpft, ist auch seines gefährdet. Schwer herzkrank und vom Infarkt bedroht, ist nicht klar, ob er den Prozess durchstehen wird. Darnells emotionaler Counterpart ist die Ärztin und Hebamme Summer Blaine. Ihre Rolle ist die Bejahung des Lebens, eine positive Sichtweise, die Darnell nicht unbeeinflußt läßt.

Buffa selbst hat zehn Jahre als Strafverteidiger gearbeitet, das Innere eines Gerichtssaales ist ihm vertraut. Er singt kein Evangelium auf eine unfehlbare, menschliche Schwächen ausgleichende Gerichtsbarkeit, sondern läßt das Urteil zu diesem schokierenden Fall offen. Dennoch sucht er wie sein weiser Anwalt angesichts der über die Justiabilität hinausgehende Mordanklage, etwas zu sehr nach einen versöhnlichen Ausgang des Falles. Um seinen Figuren stellvertretend für die Leser eine Kartharsis zu bieten, stellt er der kannibalistischen Grimasse in höchster Not ein Lächeln voller Edelmut gegenüber.

Trotzdem: Ein Buch, daß in keiner Bordbibliothek fehlen sollte, aber auch Landratten durchaus faszinieren könnte.

Maggie Thieme


D.W. Buffa: Evangeline.
Aus dem Amerikanischen von Gunnar Kwisinski.
marebuch verlag, Hamburg, 2005.
Gebunden, 358 S., EUR 19,90.
ISBN: 3-93638-439-8.

 

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