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Freitag, 25. Mai 2012 | 22:18

 

Friedrich Ani: Süden und der Mann im langen...

30.05.2005

 
Vom Ich zum Er

Ein depressiver Ermittler in einem depressiven Dorf. Hält man das aus? Wenn der Autor Friedrich Ani heißt: ja.

 

Irgendwann wird es einem des Guten zuviel, zumal wenn man sich gerade in einem Kriminalroman aufhält, wo das Gute stets das Schlechte ist, das Elend, die Tragödie, die schiere Depression.
Für Tabor Süden, Friedrich Anis Serienprotagonist, kommt es knüppeldick. Eigentlich will er in Tagingen, seinem Geburtsort, nur den 70. Geburtstag der Mutter still begehen. An ihrem Grab räsonieren, die Vergangenheit beschwören und die Gegenwart darüber vergessen, schweigen wir ganz von der Zukunft.
Aber da ist Herr Jagoda, der Lehrer, dessen Tochter Anna seit einem Jahr vermisst wird, und weil Süden der Spezialist für „Vermissungen“ ist, ein Kripo-As mit einiger Zeitungsberühmtheit, untersucht er Annas Verschwinden.

Sehr langsam, sehr bedächtig bewegt er sich durch Tagingen. Umso schneller drapiert sich das Elend um ihn: das Elend der Familie des Mädchens, das Elend des Pfarrers, der sich aufgehängt hat, das Elend des Jugendfreundes und Kollegen, dem nicht mehr zu helfen sein wird. Elend sucht Elend, und da ist Tabor die beste Adresse. Der nämlich hat noch immer nicht das Verschwinden des Vaters verwunden, den er, der es doch eigentlich aus dem Effeff können müsste, nicht finden kann. Und überhaupt: der Job. Süden zweifelt an allem, und ganz allmählich legt sich die Depression des Helden wie das berüchtigte Leichentuch über das schon hinreichend depressive Tagungen und, steht zu befürchten, über den kompletten Roman.
Nach dessen erster Hälfte ich mir eigentlich nicht mehr viel von der Lektüre verspreche. Wieder einmal textet mich einer mit dem Elend der Welt zu, wo es doch ein Antippen auch getan hätte, eine Geste, ein einziger Satz. Wieder einmal ein Krimi, der nur transportieren soll, was sich als Nichtkrimi halt (noch) schlechter verkauft, Literatur als Speditionsunternehmen für die Beförderung von Botschaften und Küchenpsychologie. Nicht übel geschrieben, gar nicht mal, ein paar allzu hochgestochene Formulierungen abgerechnet.
Aber dann geschieht etwas, mit dem ich nicht mehr gerechnet hatte. Kapitel 8, Seite 112. Die Handlung, dieser träge Fluss, endet abrupt, mit ihr das chronologische Erzählen. Zeitsprung.
Der Mörder ist überführt, ohne dass wir dabei gewesen wären, ein paar Tage sind vergangen, dann plötzlich ein Jahr und ein weiteres Verbrechen. In Süden kommt Bewegung. Er, der Experte für Vermissungen, der sich am meisten selbst vermisst, beginnt nun sich wiederzufinden. Und wie ihm das gelingt, das ist schon groß. Weniger auf der inhaltlichen Ebene, eher auf der formalen, wo sich Ani als ein Prosaarchitekt zu erkennen gibt, der keine Krimifertighäuser hochzieht. Er spielt mit der Zeit, schiebt Handlungsebenen ineinander und auseinander, so lange, bis Süden wieder bei sich ist, das heißt: weit weg von sich und allen anderen, und da werden auch die 111 Seiten stimmig, die man schon verloren glaubte, ohne sie wirklich zu vermissen.

Am Ende, auf der letzten Seite, verschwindet das Ich und wird zum Er. So wird aus einem Krimi, der im Elend zu versinken droht, ein kleiner Glücksfall für das Genre. Denn es sind die ihm oft abgesprochenen handwerklichen Fähigkeiten, die Feilarbeiten am Formalen, die für die Wende zum Guten sorgen. Und davon kann es nie genug geben.

Dieter Paul Rudolph


Friedrich Ani: Süden und der Mann im langen schwarzen Mantel.
München (Knaur) 2005.
Taschenbuch.
183 Seiten, 7 ¤ 95. ISBN: 3-426-62389-7

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