Jurga Ivanauskaite: Placebo
13.06.2005
Litauens literarische Litanei
Durch den wilden Mythenmix „Regenhexe“ ist sie dem deutschen Publikum bekannt geworden: Jurga Ivanauskaite. Nun ist ihr zweiter Roman bei dtv erschienen: „Placebo“, ein Krimi, der schon bald im Krimskrams erstickt.
Das Baltikum muss ganz schön verwirrt sein, denkt sich der Leser bei dieser Lektüre. Oder ist das Ganze vielleicht nur als Reminiszenz an Bulgakov gedacht, wenn hier so viel herumgeistert und poltert? Wer weiß - jedoch lesen lässt sich, was hier fabriziert wurde, schlicht nicht. Die Intention ist klar: Man platziere zu Anfang eine Leiche, stelle dann sachte das Personeninventar vor, entspinne allmählich das Szenario und ende schließlich irgendwo mit Mr. X bei einer Globalisierungsverschwörung. Zwischendurch lässt sich wunderbar das umgewälzte Litauen vorstellen, der Konsumwahn anprangern (hui!) und in die Ecken noch ein wenig Esoterik hineinkneten (pfui!). Was für ein elender Labskaus...
„Eine Polyphonie der Schicksale, der Stimmen und der Gesichter!“
Wer so etwas über einen Roman sagt, hat nichts zu sagen. Eine Polyphonie hat sich schnell, doch leider versagt uns Ivanauskaite sogar diesen Genuss. Denn ihr Kompositionsprinzip ist viel zu starr, Kapitel für Kapitel widmet sie in braver Abwechslung immer nur einer Figur. Dieses Konstrukt ermöglicht gemeinhin eine interessante multiple Perspektive, was die Schriftstellerin einzulösen leider nicht imstande ist. Bei ihr verlangsamt sich der Erzählfluss durch ständiges Rückblenden derart, dass sie sich wohl gezwungen sah, diesen Makel durch Üppigkeit zu kompensieren. Am Saum der Fabel entlang werden Geschichtchen aufgesammelt, die weder pointiert erzählt sind, noch kontextuell passen. Der Topf, in den alles gemengt wird, trägt die Aufschrift „Das neue Litauen“. Da geht zwar einiges hinein, allein ein Schriftsteller hat nicht die Aufgabe, Gulaschkanonen zusammenzurühren (zu diesem Zweck wurde die Illustrierte erfunden), sondern bleibt der Kunst der Komposition verpflichtet. Über all das hinaus vergreift sich Ivanauskaite in sprachlicher Hinsicht dermaßen oft, dass man nur hoffen kann, ihr Übersetzer Markus Roduner ist mitverantwortlich dafür.
Panorama, Panorama
Mag sein, dass sich das Leben in Litauen in den letzten anderthalb Jahrzehnten beschleunigt hat, mag sein auch, dass der Auswuchs an Konsumlust manchem Intellektuellen aufs aufgeklärte Gemüt schlägt, echt schlimm, wenn allerhand Second-hand-Religionen sich im Land ausbreiten – aber: Es geht künstlerisch sicher anders. Diese Themen sind nicht von solcher Neuheit, als dass sie auf herkömmlichste Weise ausgebreitet werden sollten. Voller Allgemeinbildungszitate, unhinterfragt stereotyp und absehbar bedient Ivanauskaite den alltäglichsten Diskurs. Vielleicht ist es richtig, diesen Roman in Litauen zu veröffentlichen (wobei seine ästhetischen Defizite unübersehbar bleiben), aber zu glauben, ihn mit wohlmeinenden Fördergeldern ins Deutsche übertragen zu müssen, scheint bezweifelnswert.
Christoph Pollmann
Jurga Ivanauskaite: Placebo. Aus dem Litauischen von Markus Roduner. Dtv 2005. Taschenbuch. 440 Seiten. 16,00 Euro. ISBN 3-423-24453-4
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