Leena Lehtolainen: Die Todesspirale
16.06.2005
Ein psychologisches Puzzlespiel
Das so genannte „Morden im Norden“ hat momentan auch in unseren Breitengraden Hochkonjunktur. Einen großen Beitrag dazu leistet die finnische Schriftstellerin Leena Lehtolainen mit ihren Kriminalromanen über die Polizistin Maria Kallio.
Mit dieser Protagonistin spricht sie direkt die Bedürfnisse der Leserschaft an. Maria wirkt mit all ihren Fehlern und kleinen Macken authentisch und liebenswert auf den Leser und zwar nicht nur in der „Todesspirale“. Auch in weiteren Büchern von Lehtolainen fasziniert sie durch ihre unbestechliche, natürliche Art. So hat Maria zum Beispiel schier unzähmbare rote Haare, ein Stupsnäschen (auf Grund dessen sie oft nicht ernst genommen wird) und ein kleines Bierbäuchlein (da sie dieser Versuchung nicht widerstehen kann und will). Vermutlich sind diese und weitere Gründe Anlass für Leena Lehtolainen, auszusagen, Maria wäre bestimmt ihre beste Freundin, wenn sie wirklich existierte. Maria ist starrköpfig und einfühlsam, was vermutlich der Grund dafür ist, warum sie all ihre Fälle so bravourös löst. Im Laufe der Zeit macht sie eine Entwicklung durch von der Frau, die nicht weiß, was sie beruflich machen möchte, zur Hauptkommissarin und vom erklärten Single zur Ehefrau und Mutter. Sie ist eine Frau in einer Männerwelt und weiß dennoch sich durchzusetzen.
„Die Todesspirale“ ist bereits Maria Kallios vierter Fall. Er wird besonders dadurch interessant, dass sie zum Zeitpunkt der Ermittlungen hochschwanger ist. Aber eine Frau wie Maria lässt sich nicht in ein traditionelles Frauenbild drängen, sondern sie betreibt ihre Ermittlungen engagiert und gewissenhaft wie eh und je. Das Buch handelt von dem Mord an einer jungen talentierten, aufstrebenden finnischen Eiskunstläuferin, die mit ihren eigenen Schlittschuhen ermordet wird. Stück für Stück kämpft Maria Kallio sich durch Beweise und erforscht die Hintergründe dieser Tat, wird verwickelt in die Dopingszene und weitere politische Machtkämpfe innerhalb des Leitungssports.
Ausgeformte Charaktere
Für Lehtolainen besonders interessant sind dabei die Abgründe der menschlichen Psyche und die Frage, was einen Menschen dazu bringt, einem anderen (der einem vermutlich noch nahe steht) das Leben zu nehmen. Aus diesem Grund ist „Die Todesspirale“ auch kein gewöhnlicher Krimi, es wird sehr viel Wert auf die Ausformung und realistische Darstellung der Charaktere gelegt. So ist bei Lehtolainen der Täter kein Psychopath oder Serienmörder, sondern vielleicht eher der nette Nachbar (und das soll keine Anspielung auf das Ende des Romans sein, das hier natürlich nicht verraten wird…). Jeder hat ein Motiv und genau das macht es interessant.
In der „Todesspirale“ schafft es Lehtolainen, wie in jedem ihrer Bücher, die Spannung stets hoch zu halten. Gekonnt führt sie ihre Leser an der Nase herum und legt falsche Fährten, um dann schließlich ihre Geschichte aufzulösen. Der Leser ist sich zu jedem Zeitpunkt des Lesens fast sicher, den Mörder zu kennen, bis ein weiteres Puzzleteil des Ganzen ins Spiel gebracht wird. Klärt sich am Ende alles auf, möchte man am liebsten (ich zumindest) nochmals von vorne anfangen zu lesen, um auf all die kleinen Details und Anspielungen zu achten.
Genaue Rekonstruktion der Gründe für die Tat
Grundsätzlich gilt bei Lehtolainens Büchern nie, dass der am wenigsten Verdächtige (oder der Gärtner…) am Ende auch der Mörder ist, sondern jede Figur wird gründlichst unter die Lupe genommen, bis sich schließlich alles zu einem Ganzen zusammenfügt. Diese Art zu schreiben macht „Die Todesspirale“ sowie die anderen Lehtolainen- Bücher so lesenswert. Es geht nicht nur um kriminologische Untersuchungen, nicht bloß darum herauszufinden, wer der Mörder ist. Es geht darum, die Motive für die Tat auszuleuchten und die Person zu verstehen, die sie begangen hat. Lehtolainens Bücher sind unter soziokulturellen und psychologischen Aspekten höchst interessant, denn sie handeln von der menschlichen Psyche. So weiß man am Ende nicht nur wer der Mörder ist, sondern auch warum die Tat begangen wurde.
Natürlich kann man „Die Todesspirale“ lesen, ohne die anderen Maria Kallio-Krimis zu kennen. Und das auch mit großem Vergnügen. Ich kann allerdings aus Erfahrung sagen, dass wer sich einmal mit dem Lehtolainen- Virus infiziert hat, nicht mehr anders kann, als alle ihre Bücher zu lesen und sehnsüchtig auf neue zu warten.
Inga Laaksonen
Leena Lehtolainen: Die Todesspirale. Maria Kallios vierter Fall. Aus dem Finnischen von Gabriele Schrey-Vasara. Rowohlt Taschenbuch Verlag Mai 2005. 350 Seiten, 5,00 Euro. ISBN 3-499-26563-X
|
TITEL-Kulturmagazin bietet regelmäßig Neuigkeiten aus Literatur, Musik und Film. Unabhängig und kompetent - seit über 10 Jahren!
Unser Lieblingssufi live!!
06.06. Aachen, Musikbunker 07.06. Hannover, Musiktheater Bad 19.06. Hamburg, Uebel & Gefährlich 20.06. Berlin, Gretchen 21.06. Leipzig, UT Connewitz 22.06. ...
Dichter und Diplomat
»Ich erzähle von Dingen, die mich sehr stark geprägt haben. Zum Beispiel, der Spanische Bürgerkrieg aufgrund der vielen Republikaner, die in Mexiko Zuflucht suchten und die ...
»Die Wahrheit ist ein scheues Kind ...«
Mit dem Roman Tannöd begann 2006 die erstaunliche Karriere der Andrea Maria Schenkel. Der Nachfolger, Kalteis (2007), bewegte sich noch ganz im Dunstkreis des erfolgreichen ...
Götter verstehen keinen Spaß
Wenn Shakespeare sich in der griechischen Mythologie bedient und den blindes Seher Tiresias zum Helden eines seiner Stücke gemacht hätte, der Inhalt hätte durchaus so aussehen ...
Raubbau an Körper und Seele
In Stiche erzählt David Small die Geschichte seiner Kindheit und Jugend im wissenschaftshörigen Amerika der ...
Kampf der Superlative
Wenn ausgerechnet Incal-Autor Alejandro Jodorowsky, der inzwischen auch »Heilung durch Kunst« betreibt, die Geschichte des mächtigsten Killers des Universums erzählt, ...
Elektronische Findlinge
Aus dem Harz oder vom Bosporus – viele Wege führen in eine der zeitgenössischen Kreativ-Metropolen für Top-Produzenten elektronischer Musik ...
Back for good
Zwei interessante Wiederveröffentlichungen aus den 70ern, vorgestellt von TOM ASAM.
Licht wo zu viel Schatten lag
Jetzt mal ehrlich, das Buch Fifa-Mafia von Thomas Kistner ist keine einfache Kost. Zu ungebremst und schnörkellos werden einem hier schallernde Fakten um die Ohren gehauen. ...
Valium im schwarzen Anzug
Die MIB-Filmreihe von Regisseur Barry Sonnenfeld komplettiert sich nun zur Trilogie und tischt dem Zuschauer das Alte vom Vortag nochmal neu auf – nur diesmal in 3D. Lasst euch vom ...
|