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Freitag, 25. Mai 2012 | 22:20

 

Minette Walters: Der Nachbar

17.02.2004

 




Der Kinderschänder von nebenan




 

„Schuld daran seid eigentlich ihr Deutschen“, sagt Minette Walters auf die Frage, warum sie Kriminalromane schreibt. Es seien die Märchen der Gebrüder Grimm gewesen: „Die waren so grausam, dass ich mich nach dem Lesen immer zitternd unter der Bettdecke verstecken mußte.“ Dem Leser ihres neusten Romans ergeht es ganz sicher nicht anders: das ist nicht einfach ‚nur‘ ein absolut genial geschriebener Kriminalroman, der die Reihe der Minettschen Bestseller ohne Frage glänzend fortsetzen wird. Es ist die Auseinandersetzung mit einem höchst brisanten und Wogen schlagenden, ewig aktuellen Thema, wo immer es an- oder ausgesprochen wird: ein entlassener Sexualstraftäter wird nach seiner Haft in einem ohnehin als sozialer Brennpunkt bekannten Wohngebiet in der Nähe von Southampton einquartiert. „Wo es mehr Kinder als Erwachsene gab! Das war ungefähr so, als setze man einen Junkie in eine Apotheke.“

Die Tatsache, dass einige Tage später ein kleines Mädchen verschwindet und die Identität des neuen Bewohners publik wird, macht aus dem Wohnviertel einen regelrechten Hexenkessel. „Man brauchte kein Prophet zu sein, um vorauszusehen, dass Krieg im Anzug war.“ Was als Demonstration geplant war, läuft aus dem Ruder, es gibt Tote und Schwerverletzte.

Es sei der bisher wichtigste und mitreißendste Roman Minette Walters, urteilte die britische Presse und da ist viel Wahres dran. Emotional beeindruckend dicht geschrieben, mit allem Verständnis einer Mutter, allen Emotionen betroffener Eltern, mit fair und scharf gezeichneter Position des betroffenen Pädophilen, aber auch mit deutlicher und wenig sparsamer Sozialkritik an Behörden und Polizei. „Na, suchen wir das Kind oder schützen wir den Pädophilen? Für beides reichen unsere Leute nicht.“ Ein fatales Eingeständnis. Ohne jede Unschärfe auch Nebenfiguren, die nicht zuletzt deutlich machen: es gibt kein Klischeebild von einem Kinderschänder.

Ein Sprung in die Realität: Es ist der Sommer 2000, als ein englisches Boulevardblatt beginnt, eine Unmenge Namen von Kinderschändern zu veröffentlichen. „Wohnt ein Monster in ihrer Nähe?“, so getitelt werden die Männer angeprangert. Es sei, so die Zeitung, kein Freibrief zur Selbstjustiz, Aufklärung sei das Ziel. Die Aktion, die mit einer „unglaublichen Hetzjagd“ endet, löst auch in anderen Ländern hitzige Diskussionen aus. Auch in Deutschland werden jedes Jahr rund 100 000 Kinder sexuell mißbraucht, hier jedoch gilt: „Jede Stigmatisierung ist verfassungswidrig. Es ist rechtswidrig, einen Menschen auf dem Altar seiner Nachbarn zu opfern, auch wenn deren Sorgen berechtigt sind.“ Ein absolut ‚heißes Eisen‘ also, hier als Roman bestechend und Nerven strapazierend aufgearbeitet.

Minette Walters ist eine beeindruckende Frau: sie lacht viel, liebt es idyllisch, Graham Greene, James Baldwin und Patricia Highsmith sind ihre Lieblingsautoren, am liebsten recherchiert sie im Knast vor Ort. Dort unterhält sie sich mit Einbrechern, Vergewaltigern und Mördern. Wie sehr sie außerdem an Ihrer Umwelt, dem politischen Geschehen und den Menschen mit ihren Sorgen interessiert ist, spiegelt der Roman überaus lebendig und in Fülle wider. Da steckt eine Masse Herz, eine große Portion Engagement und fast schon erschreckend viel Schreibfreude drin.

Manchmal, wenn man vergisst, dass man einen Roman in der Hand hat, könnte man denken, es sind die Aufzeichnungen über ein tatsächliches Geschehen. Hautnah, als wäre man mitten drin und dabei gewesen. „I spend a lot of time building characters and a lot of that gets thrown away.“ Viel Mühe und Arbeit also für das, was sich wie leicht aus der Feder gelaufen liest. Eine Antwort auf das Problem jedoch gibt Minette Walters nicht, sie zeigt die Fronten, die Problematik, schildert die Gefühle, die Nöte. Sie verurteilt nicht, verharmlost aber auch nirgends, es bleibt dem Leser überlassen, sich selbst ein Bild zu machen, einen Standpunkt zu finden. Auch das macht sicherlich einen Großteil der hochgradigen Spannung aus. Da bleibt niemand gedanklich passiv.

Minette Walters, eine sympathische Frau, die bescheiden geblieben ist, trotz Jaguar und Anwesen, trotz Millionenauflagen mit Mord und Totschlag erarbeitet, trotz mehrfacher Auszeichnung und Verfilmung ihrer Romane. Wie sagt sie doch? „Ich finde es toll, dass ich mit meiner Lieblingsbeschäftigung Geld verdienen kann“.

Textauszug:

„ Es gab keine Möglichkeit, sich auf das vorzubereiten, was als nächstes geschah. Keinen Schutz vor der Schallexplosion, die wie eine gewaltige Flutwelle über ihnen zusammenschlug, als aus hundert Kehlen Triumphgeheul hervorbrach. Keine Rettung vor dem scharfkantigen Stein, der durch die Luft schnitt und die Haut von Sophies rechtem Arm aufschlitzte. Es war so unerwartet, so erschreckend, dass sie automatisch die Haustür zuschlug und sich so zur Gefangenen machte. Sie fluchte laut, aber die Worte gingen im Donner eines Steinhagels unter, der gegen die Holzfüllung der Tür schlug, und sie duckte sich im Reflex und wich stolpernd vor der Bedrohung zurück.

Barbara Wegmann

 


Minette Walters: Der Nachbar. Goldmann, 415 Seiten, 22,90 ¤. ISBN: 3442309697

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