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Andrew Taylor: Eine Messe für die Toten

17.02.2004




Schleichendes Grauen

Fein dosiert und immer eine Nuance mehr: die schleichende Spannung des Andrew Taylor



 

Die Erwartungen an Andrew Taylors neuen Roman, sie sind sicherlich hoch - denn schließlich haben die beiden vorherigen Romane, die mühelos zu Bestsellern avancierten, große Erwartungen und brennende Neugierde geweckt. Zusammen mit „Die vier letzten Dinge“ und „Das Recht des Fremdlings“ ist der neue Roman als Trilogie zu sehen, jeder Band steht aber auch einzeln für sich. Dennoch fühlt man sich schnell wie zuhause, kennt sich aus.

Wendy ist die Hauptfigur des Romans und schildert die versponnenen, verschlungenen, zugegeben, nicht ganz so packenden Ereignisse wie in früheren Taylor-Büchern, aus ihrer Sicht als Ich- Erzählerin. Das schafft große Nähe, vermittelt den Eindruck zum Freundeskreis zu gehören, wirkt intim, einbeziehend.

Sie ist eine Frau ohne viel Zuversicht und Selbstbewusstsein, ihre Kindheit ist wenig geprägt von familiärer Liebe und Nestwärme. „Mädchen zählten in der Welt meines Vaters nicht. Sie wurden gebraucht, um Söhne zu gebären und den Haushalt zu versorgen...Dass ich auf die Welt kam, war ein Versehen, glaube ich...“ Ihre beste Freundin Janet beneidet sie, auch noch viele, viele Jahre später. Janet hat eine kleine Tochter, einen blendend aussehenden Mann, der in der kleinen Gemeinde im Süden Englands als Pfarrer arbeitet. Dorthin zieht es Wendy nach ihrer Scheidung von Henry, einer gescheiterten Existenz, dessen Lieblingssatz ist: „Köpfen wir mal wieder eine alte Witwe“.

In der Dombibliothek katalogisiert sie Bücher und stößt auf seltsame Geschehnisse, denen sie in akribischer Recherche mutig nachgeht. Dabei wächst die eigentlich eher introvertierte Wendy, die sich auch als „profunde Kennerin der Aus- und Nebenwirkungen alkoholischer Getränke“ sieht, regelrecht über sich hinaus. So steht und fällt der Roman mit Wendy, die die Fäden in der Hand behält, die die Antwort finden wird auf die Frage, ob ein früherer Todesfall mit einem neuerlichen zusammenhängt. Stellenweise arg konstruiert, seitenweise überaus verschachtelt, nicht so gradlinig wie die beiden anderen Trilogie- Romane.

Dennoch: eines haben alle drei Taylor- Romane ganz sicher gemeinsam: in einer unglaublichen Langsamkeit schraubt sich das Geschehen vorwärts, entwickeln sich Spannung, Verbrechen und Höhepunkt. Feinstens dosiert, nur in Nuancen geht es weiter, Kleinigkeiten, die sich zu einem Puzzle zusammensetzen, keine Paukenschläge, keine großen Effekte, keine spektakulären Auftritte oder bemerkenswerten Erlebnisse. Dazu diese trügerische Stille, Idylle und Abgeschiedenheit einer malerischen Landschaft und eine verschlafene Ortschaft, die, so denkt man, doch ganz sicher nichts mit Verbrechen, welcher Art auch immer, zu tun haben kann. Die Spannung, die völlig unbemerkt, schleichend, aber immer weiter nagend, schon ganz früh vorbereitet wird, lebt von kleinen Dingen, vom Bilderbuch- Klischee und dem, was sich dahinter an Bösem verbirgt. Dafür hat er ein absolut talentiertes Händchen, dieser mehrfach preisgekrönte englische Autor, der sich mit seinem „literarischen Grauen“ auch bei uns nun endlich ganz sicher sein festes Publikum erobert haben dürfte.

Textauszug:

Zweifellos war es auf die Müdigkeit zurückzuführen, dass ich meinte, beobachtet zu werden. Das Gefühl verstärkte sich, als ich mich der Tür zum Kreuzgang näherte. Es war fast, als sei Francis hinter mir her, was natürlich grotesk war, denn im Grunde war es ja genau umgekehrt. Gespenster waren ebenso unglaubhaft wie Götter, und die Vorstellung, dass die einen oder die anderen- immer vorausgesetzt, es gab sie- sich für die Lebenden interessierten, war nicht minder lächerlich.... Der Weg um das Ostende lag im Schatten. Ich beschleunigte den Schritt. Fünfzig Meter vor der Gartenpforte der Dunklen Herberge hörte ich die Schwingen.“

Andrew Taylor: Das Recht des Fremdlings

Barbara Wegmann

 


Andrew Taylor: Eine Messe für die Toten. Zsolnay Verlag, 400 S., 21,50¤. ISBN: 3552051740

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