Helene Tursten: Der erste Verdacht
27.06.2005
Die Routinierte
Dem ersten Verdacht nach zu gehen, das führt sogleich in die Irre. Nein – der erste Eindruck irrt nie. Und schon ergibt sich genug Stoff für einen weiteren Kriminalroman der Schwedin Helene Tursten, die für ihr gemächliches, aber nicht minder intensives Vorgehen bekannt ist.
Als Helene Tursten im Laufe des Jahres 1997 rheumabedingt ihr Zahnärztinnenbesteck aus den Händen legte und mit dem Schreiben von Kriminalgeschichten begann, war noch nicht ausgemacht, ob sie es wirklich schaffen würde, sich im Kreise einer Vielzahl von schwedischen Krimitalenten behaupten zu können. Doch schon mit „Der Novembermörder“ positionierte sie sich in der heimischen Krimiszene auf einem guten Platz und da es eine urgründliche Krimiverbindung Schweden – Deutschland zu geben scheint, war sie auch bald hierzulande bekannt und wohl gelitten. Dabei bot und bietet sie nie actionreiche Kost, wie sie der Krimifan von Arne Dahl oder Leif GW Persson gewohnt ist und auch in die verworrenen menschlich-männlichen Abgründe, die Henning Mankell und Hakan Nesser an ihren Kommissaren so schätzen, ist sie nie recht hinabgestiegen. Vielmehr ist ihre Heldin Irene Huss im Grunde ihres Herzens eine stabile Person, die eben ihren Job einer Ermittlerin im gehobenen Dienst gewissenhaft und routiniert erledigt. Gelegentliche Reibereien und Spannungen mit ihren Kolleginnen und noch mehr Kollegen bleiben fundamental folgenlos und sichern ihr Dasein einer durch und durch heterosexuellen und monogam lebenden Familienfrau. Daheim wartet der gleichfalls berufstätige Ehemann, der zugleich den Haushalt bestens beherrscht; zwei wohlgeratene Zwillingskinder und ein netter Hund runden das Huss’sche Familienidyll ab. Bleibt also das Grauen, das von außen kommt – und das es zu bewältigen gilt.
Das Grauen, das von außen kommt
In ihrem neuen Krimi „Der erste Verdacht“ geht die Autorin dabei zurück zu ihren Anfängen: Galt es in „Der Novembermörder“ das Innenleben einer reichen, korrupten und moralisch durch und durch verkommenen Familiendynastie zu durchleuchten (die auch noch den Adelstitel derer „von“ trug), stammt auch diesmal Irene Huss’ Leiche aus mehr als gutem Stall: Wohlgekleidet liegt der ältere Mann vor ihr, die ihn umgebende Inneneinrichtung ist vom Feinsten; das Haus, in dem er liegt, hat Meerblick, natürlich. Allein das Loch in seinem Kopf stört etwas die Harmonie; besonders das Blut, das da heraus sickert. Weshalb die junge und gleichfalls mehr als elegant gekleidete Ehefrau eines besonders beschäftigt: Wie kriegt sie das Wohnzimmer wieder sauber?
Keine Frage, das Verhältnis der beiden muss ein seltsames gewesen sein, gibt es doch neben jenem perfekt eingerichteten Haus noch eine Stadtwohnung, in der er als bekannter Hotel- und Restaurantbesitzer gelebt zu haben scheint, während das Haus sich ihren innenarchitektonischen Wünschen gebeugt hat. Nur warum wurde er dann nicht ordentlich in seinen eigenen vier Wänden ermordet?
Es wird nicht bei diesen ersten Fragen bleiben, so wie sich allmählich noch andere vormals Lebende so vor Irene Huss drapieren, dass sie die Spurensicherung bestellt. Und langsam wird klar, dass jene junge Ehefrau und nun Witwe keinesfalls ein lebensuntüchtiges Luxusweibchen darstellt, sondern vielfältig wirtschaftlich tätig war: Bald wird ein Netz an internationalen Finanzaktionen und entsprechenden Verstrickungen vor dem Hintergrund der einst in den Himmel geschossenen und bald abgestürzten IT-Unternehmen deutlich. Und unsere Heldin? Sie krempelt die Ärmel hoch und macht sich an die Arbeit, die noch immer eine ehrliche und fassbare ist. Und auch man selbst als Leser und Leserin wird schier überschwemmt von seiner Sympathie für diese unerschrocken und emsig Tätige, die sich gegen die finsteren und nur scheinbar neumodischen Machenschaften einer wiederum durch und durch verkommenen Finanzwelt erwehren muss – deren Protagonisten allesamt einen persönlich hohen Preis für ihr amoralisches Tun zu zahlen haben.
Dabei versteht Helene Tursten eines wie keine zweite: Sie entwickelt unter Missachtung all der Tricks und Kniffe des Actiongewerbes in aller Ruhe eine gemächliche, aber intensive Geschichte, die sich von Kapitel zu Kapitel steigert und der man plötzlich gebannt folgt, man weiß selbst nicht, wie sie dies genau anstellt. Entsprechend trinkt man zur Lektüre Rotwein und nicht Whiskey, isst am Besten gut belegte Krabbenbrötchen und lässt die Welt des Verbrechens als eine gänzlich andere an sich vorbei ziehen. Was durchaus sehr entspannend und angenehm erbauend sein kann und womöglich eine Ursehnsucht aus den Anfangstagen des Lesens aktualisiert: Dass man liest, dass die Welt in Ordnung ist und noch mehr bleibt, weil sich jemand zwischen zwei Buchdeckeln darum kümmert.
Frank Keil-Behrens
Helene Tursten: Der erste Verdacht. Aus dem Schwedischen von Lotta Rüegger und Holger Wolandt. Bertelsmann, München, 2005, Gebunden, 384 Seiten, 22,90 ¤. ISBN 3-442-75135-7
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