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Freitag, 25. Mai 2012 | 22:20

 

Horst Eckert: 617 Grad Celsius

27.06.2005

 
Der Filz explodiert

"617 Grad Celsius" reicht weiter über das Krimigenre hinaus und ist ein hochmoralischer Roman, in dem Horst Eckert ziemlich unverhüllt die Dekadenz tradierter Werte beklagt
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Bei rund 617 Grad wird ein Erdgas-Luft-Gemisch hochexplosiv und kann ein Wohnhaus zum Einsturz bringen. So geschehen in Horst Eckerts neuem Roman, der wieder in seiner Wahlheimat Düsseldorf angesiedelt ist und in dem er zudem den Polit-Filz hochgehen lässt.
Acht illegale Arbeiter aus der Ukraine kommen bei der Explosion des abbruchreifen Hauses ums Leben. Die Ermittler stoßen bei ihren Arbeiten noch auf eine weitere Leiche. Direkt am Explosionsherd wird der renommierte Künstler Peter Uhlig tot aufgefunden.

Horst Eckert, 1959 im oberpfälzischen Weiden geboren und viele Jahre als TV-Journalist tätig, verzahnt in seinem achten Krimi zwei Fälle miteinander. Die Kommissarin Anna Winkler stellt bei ihren Recherchen fest, dass es Verbindungen zu einem weiteren Mordfall gibt. Der junge, hochtalentierte Maler Daniel war zuvor auf bestialische Weise umgebracht worden. Ein Täter war schnell gefasst und auch rechtskräftig verurteilt worden.

Doch bei Anna Winkler, die mit dem Ermordeten persönlich gut bekannt war, mehren sich Zweifel, ob der richtige Mann hinter Schloss und Riegel sitzt. Je intensiver sie den alten Fall aufrollt, umso stärker gerät ihr festgefügtes Weltbild ins Wanken. Die beiden Toten waren homosexuell, und die Ermittlungen führen die junge, von permanenten Schlafstörungen gepeinigte Protagonistin in die Beletage der Landespolitik.

Bei Horst Eckert, der nach eigenen Angaben 18 Monate an seinem neuen Roman gearbeitet hat, marschieren der recherchierende Journalist und der fabulierende Schriftsteller im literarischen Gleichschritt - eine ähnlich fruchtbare Konstellation kennt man aus den Werken des Kölners Hans Werner Kettenbach.
"Vielleicht war es mir ein gewisses Bedürfnis, den Job eines Berufspolitikers zu beleuchten, nachdem ich als Journalist fünfzehn Jahre lang solche Leute beobachtet und begleitet habe", erklärte Eckert, der 2001 mit dem Friedrich-Glauser-Preis für den besten deutschsprachigen Krimi ausgezeichnet wurde, über seinen neuen Roman, der in einem blutigen Sumpf aus Lebenslügen, Korruption und Egoismen mündet.

Der fiktive Ministerpräsident Uwe Strom, der um seine Wiederwahl kämpft, gerät immer stärker ins Fadenkreuz von Anna Winklers Ermittlungen. Hier hat Eckert allerdings die Glaubwürdigkeit seiner Handlung zugunsten einer psychologisch durchaus reizvoll konstruierten Lebenskrise seiner Protagonistin geopfert. Landesvater Storm ist nämlich der o­nkel der Ermittlerin, die später auch noch ihren Vater, einen nicht minder dubiosen Landtagsabgeordneten und ehemaligen Polizisten aufs Korn nimmt. In der Fiktion ist fraglos alles erlaubt - selbst eine menschlich tief getroffene Kripobeamtin, die in der Realität wegen Befangenheit vom Fall abgezogen worden wäre.

"617 Grad Celsius" reicht weiter über das Krimigenre hinaus und ist ein hochmoralischer Roman, in dem Horst Eckert ziemlich unverhüllt die Dekadenz tradierter Werte beklagt.

Peter Mohr


Horst Eckert: 617 Grad Celsius.
Roman. Grafit Verlag, Dortmund 2005,
Taschenbuch. 316 Seiten, 9,50 Euro (SFR 17,50)






 

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