Quinton Skinner: Rot - Die Farbe der Erinnerung
11.07.2005
Die Sache mit der Erinnerung
Rot ist die Farbe der Erinnerung. Dies sagt uns der deutsche Titel des Romanerstlings des Amerikaners Quinton Skinner, der in der amerikanischen Originalausgabe mit dem doch so viel hübscheren Titel Amnesia Nights veröffentlicht wurde. Der Klappentext spricht von Filmen wie„Fight Club“ oder „Memento“ und vergißt doch Alfred Hitchkocks „Vertigo“.
Ein Mann sieht rot
Die Orientierung am Film bietet sich förmlich an, da der Text mehr ein Skript zu einem imaginären Film, als ein „dicht erzählter“ Roman scheint. Dabei ist die Orientierung, welche dem Leser die Farbe rot als Oberfläche vermittelt, zunächst eine falsche. Wahrscheinlich nicht nur der Autor dieser Zeilen konnotiert mit der Farbe rot zuallererst die Farbe des Blutes. Dies ist hier aber nicht gemeint, denn rot ist die Farbe des Zorns. Es ist der Moment, in dem die Wut sich ins unermeßliche multipliziert. Es ist der Zeitpunkt des Kontrollverlusts und der Ohnmacht. Es ist der Moment des absoluten Vergessens.
John Wright mag sich nicht erinnern
John Wright, der Protagonist des Romans, lebt seit zwei Jahren mit der Erinnerung, seine Verlobte getötet zu haben. Ihre Leiche wurde nie gefunden, doch alle Indizien deuten auf Mord. Mangels Beweise ist John immer noch auf freiem Fuß, überwacht von einem dicken schwarzen Privatdetektiv, der zufälligerweise den gleichen Namen wie die Soullegende Solomon Burke trägt, und ihm auch noch verdammt ähnlich sieht. Halluzinationen, Gedächtnislücken und häufige Ohnmachtsanfälle bringen ihn anscheinend immer mehr um den Verstand. Er lebt allein und ohne soziale Kontakte in Minneapolis. Und er hat 400.000 Dollar, welche er einst dem Vater seiner Freundin in Los Angeles gestohlen hat. Der unsympathische Vater der Verlobten wartet nur darauf sich an dem vermeintlichen Mörder seiner Tochter zu rächen, während John Wright versucht sich nicht zu erinnern.
Die Tote lebt!
Doch eines Tages trifft John per Zufall Iris in einem Einkaufszentrum. Er entdeckt schnell, daß sie unter ihrer Strickmütze die Narben versteckt und er erkennt sie sofort, trotz ihres ungepflegten Äußeren, an ihrem Geruch wieder. Diese Begegnung löst bei John einen Erinnerungsstrom aus, der die einwöchige Handlung des Romans – daß erste Kapitel heißt Montag, daß letze Sonntag – bestimmt. Es wird klar, daß es so wie John es erinnert, nicht gewesen sein kann.
Erinnern ist grundsätzlich eine Rekonstruktion und das Gehirn reagiert auch so, wie jemand sich sicher ist, daß es so war. Es kann jedoch, ausgelöst durch ein besonders aufwühlendes Ereignis, zu einem Schock kommen und verbunden damit zu einer stressbedingten Gedächtnisstörung, die eine falsche Erinnerung produziert. Der Psychologie nennt dies ein False-Memory-Erlebnis.
John Wrights Gedächtnis hat das auslösende Ereignis vergessen. Sein Gehirn hat die entstandene Leerstelle sozusagen mit einer anderen deformierten Erinnerung überschrieben. Nachdem Iris aufgetaucht ist, spannt sich die Lage für John, bedrängt von dem lauernden Vater und seinem Detektiv, an. Wenn Iris noch lebt, kann er sie nicht getötet haben. Also muß er sich erinnern und die Erinnerung führt ihm zu einem Ereignis zurück, an dem er die Kontrolle über sich und eben auch die Erinnerung verloren hat. Die Auflösung soll an dieser Stelle nicht verraten werden. Der eigentliche Plot und seine Rahmenhandlung sind schnell durchschaut. Wer einen Krimi erwartet, bekommt einen modernen psychologischen Thriller geboten. So betrachtet macht dieser Roman von Quinton Skinner Lust auf mehr. Kritisch gesehen gereicht der doch stereotype Plot nicht dem ambitionierten psychologischen Hintergrund. Vielleicht liegt dies aber auch an der etwas sterilen Übersetzung.
Lars Schultze
Quinton Skinner: Rot – Die Farbe der Erinnerung. Aus dem Englischen von Astrid Finke. Heyne Verlag 2005. Taschenbuch. 351 Seiten, 9,00 Euro. ISBN 3-453-43027-1
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