Bernhard Sinkel: Bluff
18.07.2005
The thrill has gone
Ein Roman, der uns packen soll, aber eigentlich nur ein Film ist, den man nicht sehen kann, weil er ein Roman ist.
Romanschreiber beneiden Filmemacher. Manchmal wenigstens. Wenn sie in wohlgesetzten Worten ihr Personal charakterisieren oder Beziehungen zwischen Personen verdeutlichen wollen und sich an all diese Filme erinnern, in denen die Geste eines Schauspielers, der Blickwinkel der Kamera oder die Beleuchtungsverhältnisse solche Aufgaben quasi im Vorübergehen erledigten. Beneidenswert, das. Aber auch wieder nicht, weiß der Romanschreiber, denn wäre er Filmemacher, bekäme er es wahrscheinlich nicht so spielerisch hin, und der Filmemacher, der einen Roman schreibt, weiß auch, dass er die Geste eines Schauspielers in Wörter packen muss. Sollte er zumindest wissen. Bernhard Sinkel ist Filmemacher, und sein Thriller „Bluff“ ist ein Roman. Die Geschichte des jungen Raoul Levkowitz, dessen phänomenales „fotografisches“ Gedächtnis ihm zu DDR-Zeiten zum Verhängnis wird. Experimentieren wollen die Stasileute damit, allen voran der Offizier Karsunke, und so hat man ihn von der Mutter getrennt, die darob Selbstmord begeht, in eine Kaderanstalt gesteckt, mit der einzigen Bezugsperson Karsunke, doch nach der Wende ist auch das vorbei. Karsunke besitzt eine Liste mit den Namen von Spionen, Raoul, der sich rächen will, vernichtet diese Liste, deren Inhalt aber in seinem Gedächtnis gespeichert bleibt. Auf Umwegen beschafft sich Karsunke die Namen aber wieder und jetzt will er sie an die CIA verhökern, gegen ein ruhiges Rentnerdasein den USA eintauschen, aber Raoul ist ihm auf den Fersen.
Für Karsunke läuft alles schief. Eine Schussverletzung behindert ihn, die CIA spielt nicht so mit, wie sie es sollte, Raoul bedrängt ihn – und so weiter. Man sieht schon: eine ganze Menge Handlung ist das (und das sind nur die Hauptstränge), ein Film, den Sinkel natürlich wie einen Film aufbaut, mit Rückblenden, schnellen Schnitten, sehr viel Action. Aber halt: Ist es nicht eigentlich ein Roman?
Eigentlich schon. Ein Thriller. Nur, was soll uns daran eigentlich aufregen? Die Personen können es nicht sein. Sie bleiben viel zu fern, als dass man auf die Idee käme, an ihrem Schicksal groß Anteil zu nehmen. Raoul und Karsunke: Das hat psychologisches Potential, doch Sinkel schöpft es nicht aus. Karsunke ist böse, basta. Raoul und Dorothy. Dorothy? Eine junge Kunstfliegerin, die Raoul auf dem Flug in die Staaten kennenlernt, und dann ist sie plötzlich an seiner Seite, und man fragt sich, warum eigentlich? Die CIA? Eindimensionale Pappkameraden, die tun, was sie tun müssen, in doppelter Hinsicht charakterlos, gesichtslos. In einem Film, wie gesagt, hätte das funktionieren können. Mit guten Darstellern, die so wie sie spielen plausibel machen, um was es in „Bluff“ eigentlich geht. Nichts gegen Rückblenden und Schnitte, auch nicht in einem Roman. Aber sie sollten eigentlich die Handlung vorantreiben, die Motivlage erhellen. Hier wirken sie beliebig eingesetzt, ein Puzzle, dem man regungslos zuschaut, wie es langsam zu dem Bild wird, das man von Anfang an hinter ihm vermutet hat. Regungslos. In einem Thriller? Das kann so nicht beabsichtigt gewesen sein. Man ahnt natürlich, welche Story uns Sinkel erzählen will. DDR, Stasi, Doping, Spionage, das Verhältnis Raouls zu Karsunke, zwei Liebesgeschichten obendrein, vielleicht so gar drei. So etwas kann man durchaus beschreiben, aber eben mit Worten. Und genau daran scheitert der Autor. Er beschreibt mit Bildern, und die Worte, die er überall dort setzt, wo es in Romanen keine Bilder geben kann, keine Gesten, keine Kamera, kein Licht – diese Worte sind Worthülsen. Man hört sie, und man denkt nicht weiter darüber nach. So bleibt alles auf Distanz, und das ist das Schlimmste, was man über einen Roman sagen kann, der vorgibt, ein Thriller zu sein.
Dieter Paul Rudolph
Bernhard Sinkel: Bluff. dtv 2005. Taschenbuch. 278 Seiten. 7,90 ¤. ISBN: 3-423-20817-1
|
TITEL-Kulturmagazin bietet regelmäßig Neuigkeiten aus Literatur, Musik und Film. Unabhängig und kompetent - seit über 10 Jahren!
Unser Lieblingssufi live!!
06.06. Aachen, Musikbunker 07.06. Hannover, Musiktheater Bad 19.06. Hamburg, Uebel & Gefährlich 20.06. Berlin, Gretchen 21.06. Leipzig, UT Connewitz 22.06. ...
Dichter und Diplomat
»Ich erzähle von Dingen, die mich sehr stark geprägt haben. Zum Beispiel, der Spanische Bürgerkrieg aufgrund der vielen Republikaner, die in Mexiko Zuflucht suchten und die ...
»Die Wahrheit ist ein scheues Kind ...«
Mit dem Roman Tannöd begann 2006 die erstaunliche Karriere der Andrea Maria Schenkel. Der Nachfolger, Kalteis (2007), bewegte sich noch ganz im Dunstkreis des erfolgreichen ...
Götter verstehen keinen Spaß
Wenn Shakespeare sich in der griechischen Mythologie bedient und den blindes Seher Tiresias zum Helden eines seiner Stücke gemacht hätte, der Inhalt hätte durchaus so aussehen ...
Raubbau an Körper und Seele
In Stiche erzählt David Small die Geschichte seiner Kindheit und Jugend im wissenschaftshörigen Amerika der ...
Kampf der Superlative
Wenn ausgerechnet Incal-Autor Alejandro Jodorowsky, der inzwischen auch »Heilung durch Kunst« betreibt, die Geschichte des mächtigsten Killers des Universums erzählt, ...
Elektronische Findlinge
Aus dem Harz oder vom Bosporus – viele Wege führen in eine der zeitgenössischen Kreativ-Metropolen für Top-Produzenten elektronischer Musik ...
Back for good
Zwei interessante Wiederveröffentlichungen aus den 70ern, vorgestellt von TOM ASAM.
Licht wo zu viel Schatten lag
Jetzt mal ehrlich, das Buch Fifa-Mafia von Thomas Kistner ist keine einfache Kost. Zu ungebremst und schnörkellos werden einem hier schallernde Fakten um die Ohren gehauen. ...
Valium im schwarzen Anzug
Die MIB-Filmreihe von Regisseur Barry Sonnenfeld komplettiert sich nun zur Trilogie und tischt dem Zuschauer das Alte vom Vortag nochmal neu auf – nur diesmal in 3D. Lasst euch vom ...
|