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Jerome Charyn: El Bronx

18.07.2005

 
Der letzte Romantiker

Auch in seinem neunten Fall muß Charyns Held einen scheinbar aussichtslosen Kampf fechten, denn der Feind ist eine Hydra, deren Köpfe nicht nur nachwachsen , sondern auch gemeinsame Sache machen.

 

Unbestritten, der letzte Romantiker auf diesem Planeten könnte in der Tat Isaac Sidel heißen. Nur fragt man sich, wie dieser schlecht angezogene Anachronismus jemals Bürgermeister von New York City werden konnte. Weil er für Anstand kämpft? An das Gute glaubt? Vielleicht, weil er selbst niemals scharf darauf war, vielleicht, weil er der einzige ist, der das zu sein scheint, was er ist.

Ist man aber erst soweit gekommen, stellt man keine Fragen mehr. Es ist sinnlos, vor allem in diesem Teil der Stadt, den man schon lange aufgegeben hat. Vor allem nicht in diesem Teil der Bronx, in dem nur Latinos, Crackbabies und Säuglinge mit AIDS leben.
Meistens glaubt man es zu wissen, wer die Guten sind und wer die Bösen. Doch nicht in der Bronx , hier ticken die Uhren anders. Der tot gesagte Stadtteil ist äußerst lebendig und jeder möchte davon profitieren. Mäzene, Politiker, Bullen, große Drogenbosse und kleine Laufburschen, Gangs mit der Streitkraft eines mittelamerikanischen Kleinstaates und Ein-Mann-Armeen, alle wollen ein Stück von diesem madigen Kuchen.

Auch in seinem neunten Fall muß Charyns Held einen scheinbar aussichtslosen Kampf fechten, denn der Feind ist eine Hydra, deren Köpfe nicht nur nachwachsen , sondern auch gemeinsame Sache machen. Und jetzt bedroht sie eine der letzten Bastionen der Hoffnung in diesem Viertel, das Stadion der Yankees. Sidel weiß nicht, welchen Kopf er abschlagen sollte, ohne seinen Stadtteil vom verderbten, aber lebenspendenden Blutkreislauf des Filzes abzutrennen. Selbst wenn einem - in mehrfacher Hinsicht - die Stadt zu Füssen liegt, man die Polizei befehligt, Schlüsselpositionen klug besetzt, sogar einen Fanclub besitzt, kurz und gut, über Machtinsignien verfügt, von denen andere nur träumen können, kann man bisweilen feststellen, daß der eigene Spielraum unendlich kleiner ist, als man glaubt. Selbst der Bürgermeister kann keine streikende Baseballspieler zum Spielen zwingen oder aus der gesamten Bronx einen Streichelzoo machen.

Im Hubschrauber über seinem Territorium schwebend, muß er hilflos zu sehen, wie selbst kleine Brüder von großen Gangsta’n in Kämpfe verwickelt werden, vor denen auch die Warlords in ihren Festungen kapitulieren. Man hofft mit ihm darauf, daß sich wie durch ein Wunder das Holzschwert des jungen Murale-Malers Aljosha gegen die Flammenwerfer durchsetzen möge. Und auch wenn es keine Gewinner geben wird, hofft man auf eine Atempause, in der für einen Moment ein anderes Bild möglich wird.

Einer der letzten Romantiker auf diesem Planeten könnte auch Jerome Charyn sein. Ein Homey, der die Wandbilder von der Rattenjagd des Überlebens in dieser von Gott und den aufrechten Bürgern Manhattans gefürchteten Gegend mit knalligen, poetischen Farben malt, damit man die Totgesagten nicht vergißt.

Maggie Thieme


Jerome Charyn: El Bronx
Aus d. Englischen v.: Jürgen Bürger
Rotbuch Verlag/EVA Europäische Verlagsbuchanstalt, Hamburg 2005,
Taschenbuch, 211 S., 9,90 Euro
ISBN: 3-434-54052-0

 

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