Kjell Eriksson: Die grausamen Sterne der Nacht.
29.08.2005
Das Leben mit der Lupe betrachtet
Zugegeben – aus Schweden kommen derzeit jede Menge Krimis an, von denen stets behauptet wird, man könne nicht auf sie verzichten. Tja, Henning, was hast du da angerichtet! Und doch gibt es immer wieder Entdeckungen, die der Krimifan tagelang feiern könnte.
Kjell Eriksson. So heißt der Mann. Ann Lindell. So heißt die Frau, Erikssons Heldin. Und die ist nun schon seit mindestens fünf Büchern unterwegs, um ihren Job als staatlich angestellte Ermittlerin auf einem Kommissariat in Uppsala auszuüben. Zugleich ist sie Mutter eines kleinen Sohnes, und wer ein wenig die aktuelle Debatte um die hierzulande gesunkene Geburtenrate und ihre Hintergründe und Motive verfolgt, der weiß auch, dass irgendwann die Schwedenkarte gezogen wird: Ja, dort im Norden kann man das vereinbaren: Beruf und Familie. Auch als Alleinerziehende, die Ann Lindell ist – allein schon weil ihr leicht unglückliches Liebesleben unverrückbarer Bestandteil ihrer immer wieder neu zu erlesenden Identität ist.
Bruderliebe
Überhaupt ist die Familie mit ihren Verästelungen in Gegenwart und Vergangenheit bei Eriksson schon immer das Grundmotiv allen Handelns und damit auch Scheiterns. In Das Steinbett setzt er den vermeintlichen Unfalltod einer Mutter und ihrer Tochter sowie den ebenso vorgetäuschten Freitod des Ehemanns und Vaters an den Anfang einer düsteren Parabel um Macht und Geld. In Der Tote im Schnee lernen wir zwei polizeibekannte Brüder kennen, die das Leben wie die gemeinsame Herkunft zusammengeschweißt hat. Doch während es beim Älteren weiterhin böse aussieht, scheint der Jüngere zuletzt die Kurve gekriegt zu haben. Solide lebte er mit Frau und Kind, widmete sich ganz seinem Hobby: seinem Aquarium, dem größten in der Stadt. Nur liegt er jetzt tot danieder, während die Ermittlerin im Erziehungsurlaub ist, ihr Kind stillt, das sie „Würmchen“ nennt und alsbald im Kinderwagen durch eben jenen Schnee schiebt, in dem manch Toter liegt. Unausgelastet wie eine vorher berufstätige Mutter immer auch ist, nimmt sich Lindell des Falles an – und versteht es besser, dessen Dimensionen zu ergründen als die vollbeschäftigten Kollegen.
Tote Bauern
Im aktuellen Eriksson-Krimi Die grausamen Sterne der Nacht geht Lindells Sohn Erik bereits in den Kindergarten, was dazu führen wird, dass man dort immer wieder ungeduldig darauf wartet, dass die Mutter kommt, um ihr Kind abzuholen. Denn Lindell hat unverdrossen viel zu tun: Drei alte und einsame Bauern werden nacheinander erschlagen aufgefunden und nichts weist darauf hin, dass es irgendeine Verbindung zwischen ihnen gab, so sehr man auch sucht und Fotoalben wie Kontoauszüge blättert. Skurril auch, dass eines der Opfer gerade dabei war, sich selbst das Leben zu nehmen. Da muss also jemand seine ganz eigenen Gründe gehabt haben, das nicht abwarten zu können. Kein Wunder, dass das Team um Lindell auf der Stelle tritt, scheint es doch nicht um so etwas Banales wie Raub oder ein Eifersuchtsdelikt zu gehen. Und die Reise führt sie hinweg von den Toten in das zunehmend verkommende Haus einer jungen Frau, die gleichsam von Liebesunglück geschlagen ist, bis sich am Ende die Fäden gewaltsam verknüpfen, wobei – das sei schon mal verraten – der Büchermensch an sich sehr sehr schlecht wegkommen wird.
Die Suche nach dem Mörder ist auch in diesem Lindell-Krimi nicht unbedingt das Wichtigste. Vielmehr schildert Eriksson erneut illusionslos die Brüchigkeit des normalen Alltags, wie er von außen so funktional und stimmig wirkt. Dabei verstrickt er sich jedoch nicht in allgemeine pseudophilosophische Schwafeleien oder pauschale Wohlfahrtsstaatskritik, sondern betrachtet seine guten wie bösen Helden minutiös mit der Lupe, wie sie durchs Leben stolpern. Wie sie sich dabei immer wieder fangen, auf das der nächste Stolperstein folgt. Wie sie die Fehler machen, die sie nicht mehr machen wollten. Wie sie nicht zur Ruhe kommen, obwohl sie sich genau das so fest vorgenommen haben. Wie sie aus gewohnten Bahnen auszubrechen versuchen und gerade deswegen bald darin feststecken. Und wie sie dennoch und mit der Kraft der Verzweiflung bis zum Ende hoffen, dass eines Tages das Leben so wird, wie sie es sich wünschen – was so nicht eintreten wird. Nicht einmal für Ann Lindell – vermutlich.
Frank Keil-Behrens
Kjell Eriksson: Die grausamen Sterne der Nacht. Aus dem Schwedischen von Paul Berf. Zsolnay Verlag 2005. Geb. 395 Seiten. 19,90 Euro. ISBN 3-552-05348-4
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