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Heinrich Steinfest: Der Umfang der Hölle

05.09.2005

Das Krimiexperiment

Heinrich Steinfest hat erneut einen herrlichen Kriminalroman geschrieben. Die sprachliche Originalität, der hintergründige Witz und die sanfte Ironie, gemächlich, philosophisch-reflektierend und detailliert beschreibend, passen zu den skurrilen Figuren und der Handlung. Dieser Roman steht solitär in der deutschen Krimilandschaft.

 

Die Frage stellt sich, ob wir es hier noch mit einem Kriminalroman zu tun haben: Da kommen Menschen mehr aus Notwehr zu Tode, da spielt die Polizei allenfalls eine total lächerliche Rolle und der Ermittler (?) Leo Reisiger steht dem Leben insgesamt desinteressiert gegenüber. Sein Job ist ihm egal, er macht Werbung für Hi-Fi-Geräte und sagt, er „mache Werbung für arme Irre.“ „Ebenfalls als eine Irre, wenn auch keine arme, empfand Reisiger seine Frau“. „Die Familie hatte sich erübrigt“ und er „empfand dies alles als grotesk.“ Es fragt sich, wofür dieser Mann überhaupt lebt und wie es Steinfest gelingt, eine tragende Handlung zu kreieren, in deren Verlauf den Umständen eines immerhin (!) gewaltsamen Todes nachgeschnüffelt wird.

Die Versuchsanordnung...

Um die herrlich schräge Geschichte zu inszenieren, trifft Steinfest eine genaue Versuchsanordnung, schafft sich eine reduzierte Ausgangsbasis, von der er quasi experimentell – für den Leser hochgenüsslich – operiert. Leo Reisiger und seine zwei Leidenschaften: der Mond und das Lottospiel. Ein Leser, der vor Steinfests Lektüre geglaubt hatte, er habe wenige Leidenschaften, bekommt hier vorgeführt, was es tatsächlich bedeutet, an der Schrumpfstufe der menschlichen Existenz angekommen zu sein. Anders gesagt: Mit einem Minimum gerüstet, schickt der Autor seinen Helden auf die Schleichbahn der Handlung. Man bedenke: „Zieht man die Leidenschaften ab, bleibt in der Regel nicht viel übrig.“

Mit nichts als dem Mond und dem Lotterielos im Gepäck, zieht Reisiger ins Feld, den Rest besorgen die anderen Akteure und eine Portion Zufall. Neugierig, leicht schmunzelnd und leicht erheitert verfolgen wir, wie sich sein Lotterielos in eine Goldgrube verwandelt – verwandeln könnte. Leider fehlt Reisiger die Leidenschaft fürs große Geld, und schließlich redet er sich ein, dass hinter so einem Glücksfall nur der Teufel stecken kann. Kurzerhand verbrennt er den Lottoschein, will sich dafür bestrafen und legt sich bei der erstbesten Gelegenheit mit einer Horde Hooligans an, die zwei Frauen bedroht. Rasch hat er das Messer eines fiesen Hooligans am Hals, wird dann aber von einer der Frauen gerettet, indem diese blitzschnell mit einem Messer herantritt und den Fiesling ersticht, der auch sodann verblüfft im Rinnstein sein Leben aushaucht.

... und was aus der Versuchsanordnung folgt

Reisiger hat eine Leidenschaft weniger, das Leben scheint nun endgültig seine Farbe zu verlieren: Denn warum noch Lotto spielen, wenn es nach dem verschmähten Millionengewinn gänzlich unmöglich erscheint, noch einmal zu gewinnen? Denn gewinnen wollte er ja schon, nur das Geld annehmen, da fehlte es halt an der gewissen Leidenschaft. Aber es gibt ja noch den Mond: Aggressionsforscher Siem Bobeck, der Ehemann seiner Retterin, lädt Reisiger in sein Schloss ein. Doch unseren Protagonisten interessiert das nicht die Bohne, warum auch?

Erst als er den Namen des Ortes hört, wo es hingehen soll, wird er hellhörig und folgt damit schlafwandlerisch seiner lunaren Leidenschaft: „Denn Purbach, das war ja auch – und für Reisiger ausschließlich – eine Wallebene auf dem Mond, gelegen in einem kraterreichen Gebiet, das den Namen Arzachel trug und sich entlang des Nullmeridians zum Süden hin ausdehnte.“ Geht nun Reisiger auch seiner letzten Leidenschaft verlustig? Und: Was hat es mit der dubiosen Aggressionsforschung des Herrn Bobeck auf sich, hinter der noch eine ganz andere Versuchsanordnung zu stecken scheint?

Innovativ, anders, Steinfest

So nimmt denn das Verhängnis seinen Lauf, und das Experiment entfaltet sich bis zum finalen Klimax, der freilich nicht verraten wird. Steinfest serviert eine nette Portion Rätselspannung, und er scheint das Prinzip „immer mit der Ruhe“ im Geiste über jede Seite geschrieben zu haben. Er erzählt stets gemächlich, ja geradezu leidenschaftslos, ganz passend zu seinem Protagonisten. So bastelt er aus der Beschränkung des Charakters eine herrlich skurrile und schräge Geschichte. Und bald fragt sich, warum man überhaupt noch normale Krimis liest, die doch oft, allzu oft, nur noch Klischees bedienen und in eingefahrenen Spuren ihre Runden drehen, die sehr spannend sein können, aber allzu normal. Unterhaltung kann auch anders sein, das lernen wir hier. Wahrscheinlich liest man auch normale Krimis weiterhin, um Steinfest in seinem ganzen Kontrast, der sein Werk und besonders auch dieses wieder bildet, in seiner ganzen Innovation und schrägen Andersheit, noch besser wahrzunehmen.

Wer für diese Andersheit offen ist, überhaupt Experimente liebt, der aufgeschlossene Krimifreund, den nach Abwechslung dürstet und der mal was anderes lesen möchte, der – voilà! – greife zu Heinrich Steinfest und Der Umfang der Hölle. Die Frage, ob es sich dabei noch um einen wunderbaren Kriminalroman oder einfach nur um gute Literatur handelt, ist dabei zweitrangig. Hervorzuheben sei schlussendlich auch die sprachliche Originalität, der hintergründige Witz und die sanfte Ironie, die durch die Zeilen sprühen und mit denen erzählt wird. Das Philosophisch-Reflektierende in Verbindung mit detaillierten Beschreibungen, fein ausbalanciert, erzeugt eine Melange, die das skurrile Personal und das Geschehen originell in Szene setzt. Dieser Roman steht solitär in der deutschen Krimilandschaft.

Frank Kaufmann


Heinrich Steinfest: Der Umfang der Hölle.
Kriminalroman.
Piper Verlag 2005.
Taschenbuch 360 Seiten. 13,00 Euro.
ISBN 3-492-27092-1

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