„Sie wollte wie er sein, zur Polizei gehen.“ Polizeianwärterin Linda, knapp 30, und Papa Kurt Wallander, na, zu dem muss man wohl nichts mehr sagen, ermitteln zum ersten Mal gemeinsam, ein kniffliger Fall, der die Truppe der Ystader Polizei in Atem hält, dem Leser den Atem raubt. Absolute Hochspannung, knisternde Unterhaltung und ein Tempo, das auch über 540 Seiten nicht schlapp macht.
Das war sicher gewagt: nach derart verwöhnendem Erfolg und Dauerplätzen auf Bestsellerlisten legt Henning Mankell nun die Hauptermittlungen in die Hände der nächsten Generation. Aber keine Bange: natürlich hat der offenbar etwas fülliger gewordene Brummbär und Perfektionist Kurt Wallander im Hintergrund noch die Fäden in der Hand. Vater und Tochter in einem Ermittlungsteam, das bringt aber auch, wie sollte es anders sein, Spannung ganz anderer Art mit sich. „Mein Vater dröhnt durchs Leben wie ein Zug wütender Infanteristen“, urteilt die Tochter, ist aber in ihrer Arbeit gedanklich ganz der Papa: „Immer auf etwas achten, was unausgesprochen ist“ oder „Es gibt immer etwas, was man nicht sieht.“
Die gemeinsame Arbeit mit dem altbekannten Team wird zur Gradwanderung, die Mankell aber mit viel Einfühlungsvermögen fürs Familienduo problemlos meistert: einerseits will Linda sich, wenn auch einige Tage vor ihrem offiziellen Dienstantritt, mit Fleiß, guter Recherche und Gespür die ersten Sporen verdienen, sich gegenüber dem großen Papa profilieren, von ihm absetzen und ihre eigene Rolle finden. Dann ist da aber auch die Bewunderung für ihren Vater, die Gewissheit und Bereitschaft noch eine Menge zu lernen, von dem alten Fuchs, der auch schon mal so richtig melancholisch werden kann. „Ich frage mich natürlich, wie es werden soll, wenn du anfängst zu arbeiten. Werde ich ein ängstlicher Alter, der nicht schlafen kann, wenn du Nachtschicht hast?“
Aber die Vater-Tochter-Beziehung, das leise verliebte Knistern zwischen Linda und dem neuen Kollegen Stefan Lindmann und immer wieder Ausflüge in Erinnerungen, Lindas Kindheit oder die eigenwillige Schönheit der schwedischen Landschaft, alles nur Randgeplänkel. Beharrlich, immer wieder an straffen Zügeln bleiben die Ermittlungen in einem außerordentlich brutalen Fall, der weite Kreise zieht.
Ist es ein Tierquäler oder ein Wahnsinniger, der Schwäne anzündet und ein Kalb mit Benzin überschüttet, dass es in den Flammen elendig verendet? Und vor allem: ist es jemand, der „sich auf Dauer mit Tieren nicht zufrieden gibt“? Eine bange Frage, die schließlich grausame Gewissheit wird: eine alte Frau wird bestialisch ermordet, und das bleibt nicht das einzige Verbrechen. Alles deutet auf religiöse Fanatiker hin, aber wie viele? Dann verschwindet Anna, Lindas beste Freundin. Welche Rolle spielt ihr Vater, der über 20 Jahre verschwunden war und plötzlich wieder aufgetaucht ist? Der als „auserwählter Führer“ jetzt „Menschen formen“ und „das fünfte Evangelium“ schreiben will?
Nyberg, der mit der ewig schlechten Laune, Martinsson, Ann-Britt Höglund, Stefan Lindmann, sie werden es schon schaffen, aber bis dahin bohren sich Fingernägel in Buchdeckel und Spannung in die Magenkuhle. Eine unaufhaltsame, perfekte, streckenweise alles andere als unrealistische Story über religiösen Wahnsinn und verbrecherischen Fanatismus von Einzelnen oder Sekten im Namen Gottes. Wer die erste Seite liest, liest auch die letzte und hat dann erst Zeit, tief durchzuatmen.
Barbara Wegmann
Henning Mankell: Vor dem Frost. Aus dem Schwedischen von Wolfgang Butt. Zsolnay 2003. Gebunden. 540 Seiten. 24,90 Euro. ISBN 3-552-05219-4