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Freitag, 25. Mai 2012 | 22:22

 

Ingrid Noll: Rabenbrüder

17.02.2004



´Wie beim Friseur


Mit jugendlichem Witz und flotter Feder liefert die rüstige Seniorin Ingrid Noll auch in ihrem neuen Roman wieder kurzweiligen Lesestoff für alle Generationen.

 

Diese Frau ist ein Phänomen! Mit ihren nunmehr knapp 70 Jahren schreibt Ingrid Noll faszinierend und attraktiv für jedes Alter. Mit jugendlichem Witz und flotter Feder zaubert sie derart ausgeklügelte Lausbuben-, Mord- und Erbschaftsgeschichten, dass man sich fragt, liegt’s an einem beeindruckenden Fundus an Fantasie und Spaß am Skurrilen, oder sind es die gesammelten Klatsch- und Tratsch-Stories eines langen Lebens? Irgendwie so etwas aus der Nachbarschaft haben sie ja alle, die Nollschen Romane, ums Erbe wird da gestritten, der hat was mit der und die mit dem, Liebschaften, Betrügereien, hin und wieder mal eine Leiche im Keller, nur: im wahren Leben wird nicht so viel gemordet!

Rabenschwarzer Humor
Natürlich sind auch die Rabenbrüder nicht leichenfrei. Paul, der ältere, „Mutters Vertrauter“ und der „eigentliche Chef des Hauses“, ist Anwalt, ein mittelmäßiger, verheiratet mit Annette, zierlich, mit „feinem Mäusegesicht“. Achim, der jüngere, Spielernatur, Tagträumer, „Mamas Hätschelkind“ und das „Nesthäkchen, dem sie es vorne und hinten reinsteckten“. Zwiespalt ist vorprogrammiert, denn natürlich gibt es etwas zu erben, leider nur nicht zu dem Zeitpunkt, wo das Geld gebraucht wird. Ingrid Noll macht’s schon passend.

Erst stirbt der Papa, na ja, der hatte es nie ganz leicht in der Familie, schließlich, einer seiner Söhne, hat er „sich doch kurz nach meiner Geburt aus schierer Eifersucht in ein Baby verwandelt, um ebenfalls gepampert zu werden“. Seine Brut sieht er als Aasgeier, die Beute wittern, aber dann geht es auch schnell zu Ende mit ihm. Es bleibt nicht der einzige bedauerliche und vielleicht doch etwas zu überraschende Todesfall, und, nun mal ehrlich, wenn schon zwei Leichen fast zeitgleich da sind, „dann hätte man beide Beerdigungen in einem Aufwasch erledigen können“. Der Humor trägt die typische und rabenschwarze Handschrift.

Exquisiter Tratsch
Aber natürlich ist das Geflecht viel verwobener: da sind noch Olga und Markus, Freunde von Paul und Annette. Olga, die gerne von ihrer „verkehrsberuhigten Ehe“ spricht, weint sich bei Paul aus. Markus wiederum hat eine neue Flamme. „Du wirst es nicht glauben ... es ist eine polnische Putzfrau.“ Da fühlt man sich wie beim Friseur, das Gespräch unter den Nachbarhauben belauschend.

Ja, und dann müsste zwischendurch noch geklärt werden, wer der „fremde Mann im offenen Bademantel“ ist, warum der Papa keinen Jugendstilengel aufs Grab kriegt, „die haben wenigstens einen anständigen Busen“, und was um Himmels Willen diese immer wieder auftauchenden Elektroschocker für eine Rolle spielen.

Geballte Mord- und Rachegedanken, aber irgendwie gruselt’s nicht so recht, im Gegenteil, man kann das alles verstehen, trotz aller Verbrechen, da ist keiner richtig böse, da drückt man doch immer wieder ein Auge zu. Menschliche Schwächen, gesehen durch die scharfe und spitzfindige Brille einer Frau, die viel Weisheit gesammelt hat. Ingrid Nolls Geschichten sind wie frisch verpackter Tratsch ohne Verfallsdatum, nicht vom Krabbeltisch, sondern exquisit und vom Feinsten.


Barbara Wegmann

 


Ingrid Noll: Rabenbrüder. Diogenes 2003. 279 Seiten. 19,90 Euro. ISBN 3-257-86103-6

 

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