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Freitag, 25. Mai 2012 | 22:22

 

Qiu Xiaolong: Rot auf Schwarz

17.10.2005

Ein literarischer Mord

Auf der Grundlage eines mörderischen Kriminalfalls entwirft Qiu Xiaolong ein differenziertes und interessantes Gesellschaftsbild des heutigen Chinas zwischen scheinbarer Offenheit und schwelenden politischen Konflikten.

 

In Shanghai wird eine bekannte und umstrittene Schriftstellerin ermordet in einem shikumen, einem chinesischen Mietshaus für unzählige Familien, aufgefunden. Zuerst scheint einer der Bewohner des shikumen der Mörder zu sein. Polizeiinspektor Chen und sein Kollege Yu vermuten jedoch bald literarische Verwicklungen, da der ehemalige Geliebte der Ermordeten ein regimekritischer Autor war, von dem noch unveröffentlichte Gedichte und vielleicht sogar ein kompletter Roman existieren, die im Besitz der Ermordeten waren.
Während Chen, der Polizeiinspektor und nebenberufliche Autor und Übersetzer, ein großes Shanghaier Immobilienprojekt von ausländischen Investoren aus dem Englischen ins Chinesische überträgt, ist Yu in den Ermittlungen fast auf sich allein gestellt; nur seine Frau, die ihm mit ihren literarischen Interessen die Werke der beiden Schriftsteller näher bringt, steht ihm beratend zur Seite und trägt so wesentlich zur Lösung des Falls bei. Schritt für Schritt entwirrt Yu die widersprüchlichen Zeugenaussagen und die Rolle der Literatur in diesem Mordfall.

Geschichts- und Gesellschaftsbuch
Nach "Tod einer roten Heldin" und "Die Frau mit den roten Haaren" ist "Schwarz auf rot" der dritte Oberinspektor-Chen-Kriminalroman des in Shanghai geborenen, in den USA lebenden und auf englisch schreibenden Autors Qiu Xiaolong, der nicht nur um einen Mord kreist, sondern vor allem um die Literatur: Der Inspektor ist ein ständig Gedichte und Aphorismen zitierender Autor, die Frau des ermittelnden Polizeihauptmanns ist literaturbegeistert, die Ermordete selbst eine wichtige Schriftstellerin und ihr ehemaliger Geliebter ebenfalls ein wichtiger Autor und Übersetzer. So bekommt der Krimi eine zusätzliche literarische Tiefe, die dem Roman eine zweite Dimension verschafft.
Gekonnt verknüpft Xiaolong die Ent- und Verwicklungen des Mordes mit den politischen und gesellschaftlichen Problemen des heutigen Chinas, beschreibt die prekäre Wohnungssituation, die Nachwehen der Kulturrevolution und die daraus resultierenden, noch immer schwelenden Konflikte zwischen den "Roten" und den "Schwarzen", die in dem Fall der ermordeten Schriftstellerin eine zentrale Rolle spielen. Ebenso kritisiert Xiaolong die noch immer existierende Unterdrückung von intellektuellen Bewegungen oder bestimmten Literaturen im heutigen China.
In Bezug auf "Schwarz auf Rot" von spannender Lektüre zu sprechen, würde dem Krimi nicht gerecht werden. Ohne Zweifel enthält der Roman einen geschickt konstruierten und zu guter Letzt glaubwürdig aufgelösten Mordfall, er ist jedoch viel mehr: ein Geschichts- und Gesellschaftsbuch des heutigen Shanghai, gleichzeitig eine Sympathiebekundung für die Literatur und besonders die Lyrik und ein Plädoyer für eine politische und damit auch literarische Öffnung Chinas.


Katharina Bendixen


Qiu Xiaolong: Rot auf Schwarz. Oberinspektor Chens dritter Fall. Aus dem Amerikanischen ins Deutsche übersetzt von Susanne Hornfeck. Zsolnay 2005.
Hardcover, gebunden mit Schutzumschlag. 302 Seiten. 19,90 ¤. ISBN 3-552-05351-4

 

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