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Freitag, 25. Mai 2012 | 22:22

 

Jan Seghers: Die Braut im Schnee

30.10.2005

Subtile Verführung

Ein Tatort wie eine Inszenierung, voller Zeichen und voller Grauen. „Wie es aussieht, wurde sie erdrosselt...Ihre Leiche wurde, ich weiß nicht, wie ich es nennen soll, sie wurde ausgestellt. Es sieht aus, als habe man sie drapiert.“

 

Gabriele Hasler, 29 Jahre jung, Zahnärztin, hübsch, selbstbewusst und mit einem Berg an Schulden, sie ist tot. Da hatte offenbar jemand „seinen Spaß“, hat „Katz und Maus gespielt“, ein Sadist, der sein Opfer durch ein Martyrium geschickt hat. Kommissar Robert Marthaler und sein Team stehen voller Entsetzen vor einem Fall, wie es ihn in Frankfurt noch nie gegeben hat.
Eines sei gleich gesagt: bis kurz vor Ende des Romans befindet man sich garantiert auf falscher Fährte. Schon früh dagegen sprießen erste Ahnungen, da ist ein Verdacht, so ein Gefühl eben. Subtil verführt Jan Seghers dazu, einer Spur nachzugehen, sich auf einen mutmaßlichen Täter festzulegen und einzuschießen. Aber: wie gesagt, es kommt alles ganz anders.
Ein exzellenter Roman, der vor Spannung an den Fingern kleben bleibt, der sich neben Mord, Totschlag und bestialischer Gewalt auch mit den psychischen Seiten eines sadistischen Kriminellen befasst, der teilhaben lässt an einer temporeichen Ermittlungsarbeit und der es schafft, bei schon manchen Höhepunkten zwischendurch, auch noch das Ende der Geschichte zu einem Knüller zu machen.
„Wenn du mich fragst hat der Täter nicht mehr alle Tassen im Schrank.“


Ausgekochte Raffinesse
„Verbrechen sind die Abenteuer unserer Gesellschaft.“ sagt Jan Seghers in einem Interview. „Ein Spaziergänger findet eine Leiche im Wald. Mit dieser Ausgangssituation können Sie alles erzählen.“ Na ja, das Händchen für derart lebendige, überzeugende und klare Figuren, die Raffinesse für eine so ausgekochte Handlung und das Talent, den Leser vor lauter Spannung in Atemnot zu bringen, das gehört ja wohl auch dazu. Jan Seghers heißt eigentlich Matthias Altenburg und schrieb als solcher unter anderem Essays und Geschichten, aber für ihn war schon immer klar: „Als richtiger Krimiautor brauchst du ein Pseudonym“. Und er ist ein richtiger Krimi-Autor, und was für einer!
Bekennender Henning Mankell- Fan ist er zudem und an dessen Kommissar Wallander fühlt man sich angenehm erinnert, wenn man auf 480 Seiten den sympathischen Kollegen Marthaler durch einen mordsmäßig spannenden Fall begleitet. Marthaler aber ist nicht Wallander und Seghers kopiert nicht, ist aber sicher inspiriert. Viele Parallelen gibt es, beide Kommissare haben Übergewicht, sind Einzelgänger, hören gerne klassische Musik, haben es nicht ganz leicht in Sachen Beziehungskisten. Ein bisschen seelenverwandt, ja, das sind sie schon, Wallander und Marthaler.

Mörder außer Kontrolle
Eine klug durchdachte Geschichte ist Seghers da geglückt, mit funkelnden Nebenschauplätzen, die immer wieder zum Luftholen und Durchatmen zwingen, ganz nach dem ‚dramaturgischen Motto’ „Make them wait!“
Da ist Tereza, die aus Madrid zurückkommt und die nicht ganz unproblematische Beziehung zu Marthaler, der natürlich prompt vergisst, seine tschechische Freundin am Flughafen abzuholen. Es sind die privaten Momente, die Marthaler aus der Schablone des Kommissars herausholen. Sein Leben will er ändern und auch abnehmen und nur Tereza darf so liebevoll in gebrochenen Deutsch „Meine dicke Honigpferd“ zu ihm sagen.
Da ist aber auch der kampfeslustige, unbeherrschte Einzelgänger Marthaler, dem auf einer Pressekonferenz der Kragen platzt, woraufhin er vom Dienst suspendiert wird. Da ist der Schutzpolizist Toller, mit dem Marthaler früher schon aneinander geriet und der jetzt seiner Truppe zugeteilt wird: „Kollege Rambo“ Und da ist ein weiterer Mord, der Druck auf das Ermittlerteam wächst, denn alle wissen, der Täter "verliert die Kontrolle über sich"... Es ist exakt die gleiche Scheiße wie schon beim ersten Mal."

Barbara Wegmann


Jan Seghers: Die Braut im Schnee. Wunderlich, 480 Seiten, 19,90 Euro, ISBN: 3805208081

 

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