Blake Crouch: Blutzeichen
03.11.2005
Das Böse ist zurück
Ein Thriller so richtig zum Weglesen, psychologisch flach, Leichen gleich dutzendweise – und warum das Gemetzel? Weil es Spaß macht und man es kann.
Da gibt es den Schriftsteller Andrew Thomas, der von seinem fiesen Zwillingsbruder Orson verfolgt wurde und von dessen Gehilfen Luther immer noch verfolgt wird, und da ist überhaupt die Vorgeschichte, die man sich ebenfalls reintun kann (aber nicht muss) und unter dem Titel Bruderherz erschienen ist. Hier beginnt alles in einer Blockhütte in den Wäldern Alaskas, wohin sich Thomas zurückgezogen hat. Doch nicht freiwillig – alle Welt glaubt nämlich, dass er ein Serienkiller ist.
Das hatte Orson damals geschickt eingefädelt. Einen nach dem anderen hat er umgebracht und die Taten mit sadistischer Freude dem Zwillingsbruder in die Schuhe geschoben. Thomas konnte zwar schließlich (vgl. Bruderherz) den missratenen Bruder erledigen, ließ aber den fiesen Luther zurück. Und der betätigt sich nun als Widergänger, ist das inkarnierte Böse, und macht das, was Orson nicht mehr geschafft hat: er mordet – und wie: Da ist zum Beispiel Karen Prescott, die ehemalige Lebensgefährtin unseres Helden, die immer noch glaubt, dass Thomas ein Mörder ist – tja, ganz falsch, denn bevor sie recht begreift, baumelt sie mit einer Schlinge um den Hals am Leuchtturm. Und dann muss die ehemalige Nachbarin als lebendiger Köder herhalten, da ist das Aufschlitzen eines unfreundlichen Wal-Mart-Verkäufers schon Nebensache: „Daniel sitzt in einer warmen, sich schnell ausbreitenden Pfütze, tastet nach den Eingeweiden in seinem Unterleib, unfähig, einen Laut von sich zu geben. »So, jetzt bleib hier sitzen und denk darüber nach, was das Wort Kundenservice bedeutet.«“ Ha, ha – spätestens hier wird deutlich, worauf der Thriller hinaus will: Er spricht nicht nur die derbsten Mordgelüste des Lesers an, sondern kann streckenweise sogar clownesk-sarkastisch gelesen werden.
Aber es geht ja weiter. Denn natürlich verlässt Andrew Thomas sein Versteck und stellt sich zusammen mit der jungen Polizistin Violet, die er natürlich erst überzeugen muss, dass er kein Mörder ist, dem Kampf mit Luther. Doch Luther kämpft ja auch nicht allein, hat er doch Eltern von ähnlichem Format, die rührig an ihrem privaten Folterkeller basteln. Dieser ist weitverzweigt, wohl schon deswegen, weil die vielen Leichen ja irgendwo hin müssen. Albern, grotesk, unglaubwürdig wird es aber erst wirklich, als die drei Massenmörder die Besatzung und die Passagiere einer ganzen Fähre niedermachen. Und warum? „Weil wir es konnten“, zischelt Luthers Mutter, als sie ihr Leben aushaucht. Hier motiviert und regiert die reine Mordlust, und der Leser bekommt eine Primitivtheorie des Massenmordes nebenbei serviert. Das wilde Gemetzel, das als Bestätigung dessen vorgeführt wird, entspricht dabei dem Niveau diverser Computer-Kampfspiele. Da bringt auch jeder jeden zur Strecke, wenn er es nur kann. Und Luther macht zwar am Ende eine Pause, doch wird er im Fortsetzungsroman unweigerlich erneut seinen Platz finden. Dann geht’s mit einem fröhlichen Halali weiter, und es wird wieder gemetzelt.
Frank Kaufmann
Blake Crouch: Blutzeichen. Thriller. Ullstein, Berlin 2005. Taschenbuch. 333 Seiten. 8,95 Euro. ISBN 3-548-26254-6
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