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Freitag, 25. Mai 2012 | 22:23

 

Ketil Bjoernstad: Erlings Fall

18.02.2004


Schonungsloses Protokoll des Scheiterns

Was macht der Mann, wenn ihn die Frau verlassen hat? Er trauert. Was macht der Mann, wenn er unfähig zur Trauer ist? Er schwört bittere Rache. – „Erlings Fall“ des norwegischen Autors Ketil Bjornstad schildert die bizarren Abstürze eines Mannes.


 

„Mama, da steht ein Mann und steht“, heißt es so eindeutig wie rätselhaft gleich eingangs bei Kurt Schwitters Sprechstück „Mama, da steht ein Mann“. Eine Reihe von Fragen schließen sich zwangsläufig an: Was ist das für ein Mann? Warum steht der Mann? Wartet er auf jemanden? Wie lange wird er da stehen? Und warum geht er nicht einfach weg?

Auch in Ketils Bjornstads Roman „Erlings Fall“ steht am Anfang ein Mann. Steht selbst ratlos da und lässt auch uns rätseln, warum er da steht und vor allem wann er – wie der Titel nahelegt – fallen wird. Schnell klärt sich die erste Frage: Der Mann steht da, weil er etwas in der Hand hält, dass sein Leben komplett ändern wird: die Scheidungsunterlagen, die der Anwalt seiner Frau – bald Ex-Frau – ihm zugeschickt hat. „Erling Fall stand unschlüssig mit den Scheidungspapieren in der Hand, und er merkte auf einmal, dass die Verzweiflung und das Gefühl des Verlustes mit einer Geschwindigkeit zunahm, als hätte er bereits mehrere Gläser Whisky getrunken, es war eine so gewaltsame und alles überschattende Wehmut, dass er das Läuten der Türglocke nicht sofort hörte.“

Erling Fall wird diesen Zustand des Schlingerns, des Schwankens und des Verzweifelns so schnell nicht verlassen. Es soll noch schlimmer kommen: Seine Ex-Frau zeigt ihn an, beschuldigt ihn des nächtlichen Telefonterrors. Dabei kann Erling Fall sich beim besten Willen nicht an solche Anrufe erinnern; nur an seine Versuche, ihr zu erklären, warum er sie braucht, gerade jetzt, des nachts. Und er – der Amtsrichter, von Kollegen geschätzt, wenn auch nicht geliebt – muss sich beurlauben lassen, bis die Vorwürfe ausgeräumt sind und sich die Beteiligten etwas beruhigt haben. Doch sie kommt nicht zurück, zieht davon mit einem talentierten, aber geschäftsuntüchtigen Jazzgitarristen, der ihr nur eine enge Etagenwohnung bieten kann, während Erling Fall auf seinem großzügigen Hof am Rande eines Fjords in der norwegischen Provinz verharrt.

Erling Fall wird noch mehrmals als Mann einfach da stehen, überrollt von den Ereignissen, gebeutelt von einem Alltag, der ihm immer mehr zwischen den Fingern zerrinnt. Immer schon hat er geahnt, dass er nur Mittelmaß ist; mittelmäßig denkt, mittelmäßig lebt, mittelmäßig fühlt; so wie er auch in seinem Kammermusikquartett bereitwillig die zweite Geige spielt. Nun wird diese Ahnung zur Gewissheit. Auch will ihm nichts Klügeres einfallen, als zunächst zu seinen Eltern zurück zu kehren. Sein Vater sitzt nach einem Schlaganfall gelähmt im Rollstuhl, seine Mutter bewahrt mühsam über ein vertanes Leben die Fassung, hager und ausgezehrt vor Enttäuschung. Erling Fall ist siebenundvierzig Jahre alt.

Der norwegische Schriftsteller Ketil Bjornstad braucht einen Vergleich mit seinem Landsmann Jan Kjaerstad, der als einer der profiliertesten Vertreter der postmodernen Prosa gilt, nicht zu fürchten. Wie Kjaerstad rückt er seinem Helden mit einem schonungslos sezierenden Blick auf den Leib, leuchtet ein Leben zwischen Allmachtsphantasien und nicht verwundener Kränkung gnadenlos aus. Es geht ihm dabei nicht um einen mitleidsheischenden, pädagogisierten Bericht über den verlassenen Mann, sondern um ein strenges Protokoll eines Scheiterns, dessen Ursachen in einer fundamentalen Lebensangst angelegt sind. So entblättert sich in diesem sprachlich wohl durchkomponierten Roman aus präzisen Beobachtungen und ausgeschmückten Ironismen eine bizarre Kunstwelt der verschiedenen Männertypen, denen ähnlich wie Erling Fall jedes Verhältnis zum eigenen Dasein abhanden gekommen ist, auf das es einem beim Lesen friert. Einer der Höhepunkte der Handlung ist zweifellos eine obskure Besteigung eines Achttausenders im Himalaya; ein absurdes Unternehmen, dass man zielstrebig verfolgt, weil es zugleich so gefährlich wie sinnlos ist.

Ein kleines Wunder ist dieser Roman auch deshalb, weil Bjornstad gewiss kein unterbeschäftigter Mann ist. Er ist – nicht nur in seiner Heimat - vorwiegend als Jazzpianist und Komponist tätig, ein halbes Dutzend seiner CDs sind auch bei uns erhältlich - und empfehlen sich durchaus als Einstimmung zum Lesen. Zuletzt erschien von ihm „Grace“ bei EmAcry / Universal Music; eine Adaption von Liedern und Gedichten des englischen Lyrikers John Donnes (1572 – 1631). Mit dabei: der Bassist Arild Andersen, der Gitarrist Eivind Aarset, der Saxophonist Bendik Hofseth und die Sängerin Anneli Drecker.


Textauszug:
„Spät nachts; er kam zurück auf den Hof, fühlte sich krank, vielleicht weil das Muttermal am Hals größer geworden war, jedenfalls kam es ihm größer vor. Es brannte, war heiß, veränderte sich, er war plötzlich überzeugt davon, dass ihn eine unheilbare Krankheit ereilt hatte, zusätzlich zu all dem anderen. Vielleicht hatte er einen Tumor. Wurden nicht alle von einer Krankheit befallen, die eine Hölle wie diese durchmachten? War es nicht einfach natürlich, dass sich Trauer und Verzweiflung in Tumore verwandelten? Hatte er im übrigen nicht schon immer gewußt, dass er krank war, das sich etwas Bösartiges in ihm verbarg, das jederzeit ausbrechen konnte?“

Frank Keil Behrens


Ketil Bjoernstad: Erlings Fall. Aus dem Norwegischen von Lothar Schneider. Insel, Frankfurt/M., 277 Seiten, 39, 80 DM.
ISBN 3-458-17054-5

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