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Einar Kárason: Die isländische Mafia

18.02.2004

Seltsame Vögel im hohen Norden

Hoch oben im Norden gibt es eine seltsame Insel. Sie kennt vereiste Berggipfel, ausufernde Gletscher und Quellen, aus denen heiß der Wasserdampf aus dem Erdinneren steigt. Deutsche Touristen fahren im Sommer gerne dort hin. Vorher schauen sie sich Diavorträge über dieses Land an. Man kann darüber aber auch Bücher lesen. Den neuesten Roman von Einar Kárason etwa.

 

 

Fúsi Húsi senior ist knapp achtzig und es ist an der Zeit, dass er seinen Job als Schulhausmeister aufgeben kann, um seine Rente zu genießen. Doch aus der im Keller gelegenen Hausmeisterwohnung auszuziehen, das kommt nicht in Frage und er hat auch gar nicht daran gedacht, dass das erforderlich sein könnte. Da kann sein Nachfolger noch so sehr versuchen, ihn zu einem Umzug zu bewegen. Wo doch Fúsi Húsi die Unterstützung der gesamten Schülerschaft genießt, die nicht hinnehmen will, dass ein alter, armer isländischer Hausmeister seiner ewigen Heimstatt beraubt wird. Schon ist die Besetzung der Schule durch die aufsässige Schülerschaft beschlossene Sache, da erleidet Fúsi Húsi einen Schlaganfall. Ja, kann denn einer, der nicht mehr gesund werden wird, als leuchtendes Beispiel einer Rebellion dienen? Der isländische Schriftsteller Einar Kárason mag es gern komisch. Entsprechend bevölkern seltsame Vögel seinen neuen Roman, deren Schicksal einen selten unberührt lässt: Da ist der Pfarrer Sigvaldi Árnason, der lieber einen Kiosk eröffnet; da ist o­nkel Bardur Killian, der mit "Flugvision" von der Picke auf ein Luftfahrtimperium aufbaut, das bald dreimal wöchentlich Island mit dem Festland verbindet, und der doch am Ende eine Bruchlandung hinlegt; da ist Gúndi, der Finanzjongleur, dessen nackter Oberkörper von einer rosa Latzhose verziert wird, wenn er durch Reykjavík streift; und da ist nicht zuletzt der Erzähler selbst, der kommentierend und beobachtend in die Wirrnisse seiner weitverzweigten Herkunftsfamilie verstrickt bleibt.

Geschichten von Verlierern und Versagern, die doch noch die Kurve kriegen, wechseln ab mit Geschichten über Sieger und Helden, unter denen sich der Boden auf tut. Inspiriert wird Kárason dabei von den isländischen Sagas, denen er ein modernes Gewand überstülpt. Er folgt ihren zuweilen kargen und drastischen Einschüben, wo in gerade drei Strophen ein ganzes Leben abgehandelt wird. Er nutzt ihren nicht endend wollenden Erzählfluss, um gültige Geschichten um Moral, Verrat und auch Glück zu berichten. Nicht streng chronologisch geht Kárason somit vor; vielmehr hüpft er durch die Familienanekdoten einer Stammfamilie namens Killian, in denen sich Lebensläufe komprimieren. Er erzählt von trockener Armut in feuchten Kellerwohnungen, von anhaltender Trunksucht, von dem Niedergang der Fischereiwirtschaft in Zeiten der isländischen Arbeiterbewegung, des Fortschrittsglaubens und der zweifelhaften Segnungen der staatlichen Fürsorge. Er folgt Lebenslinien, zieht überraschende Verbindungen, geht zurück in die Vergangenheit, greift vor und schaut in die Zukunft, lässt Familienmitglieder im Stich und nimmt sie wieder mit, wenn es Zeit für einen neuen Erzählstrang wird. Da ist es hilfreich, wenn er uns gleich zu Anfang einen Stammbaum aufmalt, damit wir nachschlagen können, in welchem Verwandtschaftsver-hältnis Geirmundur senior, der Satansbraten, zu Sigfús Killian junior, dem Ersatzteiledirektor, steht (sie sind Brüder).

Kárason dürfte übrigens auch Cineasten schon untergekommen sein: Er liefert regelmäßig die Drehbücher und auch Vorlagen für die Filme Fridrik Thor Fridrikssons, des bisher erfolgreichsten isländischen Regisseurs. Zusammen mit Einar Már Gudmundsson, der ebenfalls mit Fridriksson zusammen arbeitet, bilden die drei ein recht erfolgreiches Gespann und haben dafür gesorgt, dass auch eingefleischte Frankreichreisende wissen, dass es auf der Nordinsel ein verheerendes Getränk mit dem Titel "Der schwarze Tod" gibt und was es mit diesem auf sich hat.

Kárasons bisher größter Erfolg war seine Trilogie über den Einstieg Islands in die europäisch-amerikanische Moderne im Schatten des Zweiten Weltkrieges ("Die Teufelsinsel", "Die Goldinsel", "Das gelobte Land"). An diesen Erfolg knüpft sein neuer Roman an: als scheinbar private Familiengeschichte funktioniert sie wie ein Spiegelbild einer Gesellschaft, die von Umbrüchen gezeichnet ist und die zugleich immer wieder Kraft durch das Erzählen und das Weitergeben von Geschichten schöpft. So kann dies Buch nicht nur dem Islandfahrer in der Schöffeljacke und dem wetterfesten Coleman-Kocher empfohlen werden, sondern auch allen, die Spaß an grotesken Typen in kalter Umgebung haben und denen es nichts ausmacht, mal zwischendurch den Erzählfaden zu verlieren.

Textauszug:
"Als Großmutter starb, da lag gerade etwas in der Luft ...
Etwas Schreckliches warf seinen Schatten voraus, und es war Frau Lára, die wie gewöhnlich der Mittelpunkt von Ahnungen und Informationen war, sie wußte etwas. Sie bereitete gerade ihre Teilnahme an den Vorwahlen der Republikaner für die Stadtratswahlen in Reykjavík vor, sie wollte sich aufstellen lassen. Viele hatten das ihr gegenüber zur Sprache gebracht, sie gedrängt, sich als Kandidatin nominieren zu lassen. Es fehlte eine Vorzeigefrau, und sie hatte nun schon so lange in der Frauenvereinigung der Partei, bei Impuls, gearbeitet, da war es schwierig, sich zu entziehen ... Aber sie und andere hatten eine Ahnung, dass etwas Schlimmes im Anzug war, etwas, das uns allen schaden konnte. Und mußte das nicht am ehesten mit Pfarrer Sigvaldi, ihrem Mann, in Verbindung stehen, der immer in irgendwelchem Schlamassel steckte?"

Frank Keil-Behrens


Einar Kárason: Die isländische Mafia. Aus dem Isländischen von Maria-Claudia Tomany. Zsolnay Verlag 2001. Gebunden. 298 Seiten, 19,90 EUR
ISBN 3552051651

 

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