Ruth Rendell: Duft des Bösen
20.02.2006
Kick it like Rendell!
Während der Duft der ersten Frühlingsblumen London schmeichelt, wird die Großstadt von einer Mordserie heimgesucht. Ein Muster zeichnet sich ab, stets trifft es junge Frauen, die auf dem Heimweg erdrosselt aufgefunden werden. Allen hat man einen persönlichen Gegenstand abgenommen, ein Opfer weist sogar einen Biss auf. Daraufhin erhält der noch flüchtige Täter den Spitznamen: der Rottweiler.
Die Boulevardpresse spart nicht mit Vermutungen und schürt die Angst. Von Abscheu und Neugier gleichermaßen ergriffen, spekulieren auch die Bewohner und Bewohnerinnen des Hauses in der Star Street, wer die grausamen Morde begangen haben mag. Inez Ferry, Hausbesitzerin und Betreiberin des Antiquitätengeschäftes im Erdgeschoss, lassen die Mordfälle ebenfalls nicht kalt. Doch hat sie ihre eigenen Sorgen. Zerrissen zwischen der Sehnsucht nach einem Partner und der Treue zu ihrem verstorbenen Mann, muss sie sich im Laden mit schwierigen Mitarbeitern und Kunden, und im Haus mit den Problemen ihrer Mieter herumschlagen.
Da ist zum einen der junge Will, dem man nicht ansieht, dass er geistig zurückgeblieben ist, dann Zeinab, ihre hübsche orientalische Angestellte, die mehreren Verehrern die Hochzeit verspricht. Sowie die grelle Ludmilla mit ihrem aufdringlichen Freund und der attraktive, aber etwas kalte Mr. Quick von ganz oben. Sie alle haben ihre kleinen Widersprüchlichkeiten.
Elegantes und spannendes Spiel
Als man bei “Star Antiquitäten” ein Schmuckstück eines Opfers findet, wird Inez von Zweifeln geplagt. Der Rottweiler muss im Haus gewesen sein, hat er gar eine Verbindung zu jemandem, den sie kennt? Könnte sie ihm selbst begegnet sein? Plötzlich ist jedes Geheimnis sehr verdächtig. Unmerklich vermischt sich der Duft des Bösen mit dem englischen Frühling und man weiß bis zum Schluss nicht, woher er weht.
Der Mikrokosmos der Star Street stellt einen nahezu repräsentativen Querschnitt durch Londons Bevölkerung dar und zeigt, dass ungeachtet aller Herkünfte und Schichten, doch zumeist Stolz und Vorurteil die Wahrnehmung trüben. Ruth Rendell sind Vorurteile ziemlich egal, für sie sind Verbrechen und andere Kleinigkeiten zutiefst menschlich.
Die große Meisterin des englischen Kriminalromans hat ein elegantes und spannendes Spiel mit den Farben: Vorurteil, Schuld, Täuschung und Selbstbetrug aufgebaut. In das ist auch der Mörder eingebunden. Dank dieses gesellschaftlichen Netzes könnte er unerkannt mit seinen Taten davon kommen, wäre da nicht jemand mit einem unverstellten Blick, der daraus seinen Vorteil zieht. Der Krimi-Nachwuchs kann sich ein Vorbild nehmen: Kick it like Rendell!
Maggie Thieme
Ruth Rendell: Duft des Bösen. Aus dem Englischen von Eva L. Wahser. Blanvalet, 2005, 445 S., 19,90 Euro. ISBN 10: 3-7645-0117-0