Michael Chabon: Das letzte Rätsel
23.02.2006
Das letztes Rätsel
Michael Chabon lässt in seiner wunderbaren Hommage an Sherlock Holmes die letzten Monate des 2. Weltkrieges präzise auferstehen.
An einem heißen Sommernachmittag stolpert der alte Fuchs Sherlock Holmes über ein Rätsel und sofort entfacht es alte Begierden. Das Rätsel entwickelt sich zu einem Fall und es kommt noch besser, die örtliche Polizei bittet um seine Mithilfe. Klar ziert er sich ein wenig, als dieser junge Schnösel-Inspektor, dessen Großvater einst sein Widersacher war, ihm den Bonbon, bei der Lösung des Verbrechens mitzuarbeiten, anbietet. Aber sein vermeintliches Zögern hält nicht an, denn zu lange hatte der pensionierte Kriminalbeamte auf “die größte Freude, die das Leben zu bieten hatte, dieses deduktive Kristallisieren, dieses Delirium des Rätselns” verzichten müssen. Ganz klar, er hat den Bonbon schon längst geschluckt.
Seltsame Ereignisse spielen sich in der Gegend ab, ein Mord geschieht, ein Papagei geht verloren und ein stummer Junge trauert schwer. Noch summen in den Downs die Bienen friedlich, aber man schreibt 1944, es ist Krieg. Könnten diese Vorkommnisse etwas damit zu tun haben? Sind Geheimdienste involviert? Auch wenn die Knochen nicht mehr wollen und das Gehirn droht, sich unter einer Sandwüste dem Vergessen hinzugeben, dem alten Mann macht keiner etwas vor. Wieder empfindet er die “Mischung aus Ungeduld und Vergnügen angesichts der wunderbaren Weigerung der Welt, ihre Geheimnisse kampflos preiszugeben”.
Noch wunderbarer als diese zähe, auf ihren Geheimnissen sitzende Welt, ist die Welt, die die Chabon mit wenigen Strichen aufleben lässt. Der heiße Sommer in dem vom Zweiten Weltkrieg gebeutelten Großbritannien mit seinen seltsamen Zwangsgemeinschaften wirkt ebenso real, wie das daraus erwachsene Misstrauen. Präzise gezeichnet, aber von soviel Understatement unterschnitten, dass der Kampf des alten Mannes mit seinen Gebrechen ihn nicht zu einer weinerlichen Angelegenheit hinabwürdigt, sondern ihn zu einem zu allem entschlossenen Ermittlungsinstrument macht.
Selbstbewusst reaktiviert der alte Fuchs seine alten Kontakte, wertet klug und gewitzt Fährten und Indizien aus. Doch wie alle Meister braucht auch er, Erfahrung und Können zum Trotz, ein Quäntchen Glück. Etwas Magie, die das gesuchte Verbindungsstück hervorzaubert. Weil der erfahrene Detektiv auch dem Unterschätzten seinen Wert zumisst, findet ihn das Ermittlerglück und das ist dann unverhofft und magisch.
Man weiß kaum, was mehr Vergnügen macht, die kriminalistische Vorgehensweise des Alten, die unerwartete Lösung des Rätsels oder die wunderbare Hommage an Holmes & Co. Ein letztes Rätsel für den alten Kriminalisten, hoffentlich nicht für die Leser.
Maggie Thieme
Michael Chabon: Das letzte Rätsel. Aus dem Englischen von Andrea Fischer. Kiepenheuer & Witsch 2005. Taschenbuch. 126 Seiten. 6,90 Euro. ISBN: 3-462-03626-2.
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