Ian Rankin: So soll er sterben
27.03.2006
Der Tod aus Edinburgh
Als Einwohner eines morbiden Landes wie Schottland muss man wahrscheinlich ein besonderes und professionelles Verhältnis zum Tod haben. Das hat Ian Rankin als routinierter Krimiautor sowieso, viel Nutzen schlägt er daraus aber nicht.
Alternder Kriminalinspektor, hübsch-dynamische, junge Kollegin, übergewichtige, gesetzte Mafia-Paten, unzufriedene Teenager, die von zu Hause ausreißen – allesamt kriminalliteratische Versatzstücke, die Rankin routiniert gegeneinander ausspielt, ohne irgendeinem seiner Charaktere eine sonderlich große Bewegungsfreiheit zu lassen. Sicher, sein Serienheld und Protagonist, Inspektor John Rebus, ist ein anarchischer Held, der aus Gewohnheit zuviel trinkt und zuviel raucht – aber muss man Rankin dafür auch noch loben? Besoffene, unrasierte Kerle sind ja nicht eben eine originelle Seltenheit, die man in irgendeiner Literatur lange suchen müsste. Wenigstens ist dieser besoffene, unrasierte Kerl hier glaubwürdig und in seiner Glaubwürdigkeit leider auch nicht sehr spannend, um so mehr, weil er mit seiner schweigsamen, schultersuchenden, jungen Kollegin Siobhan auch noch den obligatorischen weiblichen Sidekick hat, der seine raue Schale manchmal aufweicht. Eine sexuelle Beziehung der beiden wird leise als Möglichkeit in den Raum gestellt, aber nicht vollzogen – leider. Man würde den beiden wirklich etwas mehr Zeit im kuschligen Bett gönnen, denn die Welt, die sie erwartet, wenn sie in Edinburgh das Haus verlassen, ist so richtig garstig und fröstelnd. Ein illegaler Einwanderer wird ermordet in einem Armenviertel gefunden, und die Ermittlungen um seinen Tod decken einen riesigen Betrugsskandal auf, den sich kaltblütige Gangstergranden auf Kosten der Behörden erlauben, indem sie Sozialwohnungen an sich reißen und an abhängige Asylbewerber überteuert weitervermieten.
Guter Wille, wenig Spannung Die Empörung über diese aus der Realität gegriffenen Zustände ist ehrlich, und sie ist gut recherchiert. Die obskure, überbürokratisierte Staatsmaschinerie, die gescheiterte Asylbewerber und illegale Einwanderer in Hochsicherheitsgefängnisse pfercht, wird penibel seziert, wenn Rankin seine Protagonisten auf ihren Recherchen ins Milieu verfrachtet – da werden Familien auseinander gerissen, Todesängste durchlebt, Menschen begehen Selbstmord. Und während die schottische Gesellschaft bei Rankin mit der Integration besagter Migranten hoffnungslos überfordert ist, kann sie doch nicht auf sie verzichten, weil die riesigen Abschiebegefängnisse einen starken wirtschaftlichen Faktor stellen, der einer desolaten Wirtschaft nicht einfach zu nehmen ist. Die internen Probleme des Landes lässt Rankin dabei keinesfalls aus und versucht, die graue Tristesse der Edinburgher Unterschicht (und Unterschicht scheint hier im Roman fast alles zu sein) zu beleuchten, wo Teenager auch einfach mal von zu Hause weglaufen, weil es schlicht nichts besseres zu tun gibt. Der Roman will und kann da natürlich keine Lösung anbieten, appelliert aber deutlich an die Menschlichkeit – sogar Raubein Rebus ist von der Situation der inhaftierten Einwanderer so mitgenommen, dass er beginnt, sich mit Geschenken und Einflussnahmen zu engagieren. Und auch seine persönliche Situation – Single, mäßig erfolgreich (aber ohne Aufstiegschancen), ortsgebunden - bleibt bewusst offen und wiederverwendbar in beliebig vielen Fortsetzungen. Das ist alles durchaus lesenswert, auch bewegend, spannend aber ist es nicht wirklich.
Daniel J. Gall
Ian Rankin: So soll er sterben. Deutsch von Claus Varrelmann. Goldmann Verlag, 2005, Gebunden, 572 Seiten, 21,90 Euro. ISBN 3442546052.
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