Sandra Brown: Rage/Zorn
24.04.2006
Heiße Nächte in Texas
Als kulturelle Metropole ist Austin (Texas) vor allem für seine musikalische Vielfalt berühmt. Dass die Stadt außerdem noch Platz bietet für langweilige Kriminalgeschichten, wird hier von der gebürtigen Texanerin Sandra Brown demonstriert, die im aktuellsten ihrer unzähligen Romane eine holzschnittartige Vorhersehbarkeit erschafft, die selbst im Krimigenre nicht oft erreicht wird.
Irgendwie muss es ein vom Markt bestätigtes literarisches Verlangen nach weiblicher Unterdrückung geben. Anders lässt sich die Entstehung von Romanen wie „Rage“ kaum schlüssig erklären – eine grauenhafte und unglaublich lange Romanze, deren biederer Geschmack so ganz im Gegensatz zu der prickelnden Suggestion steht, die das Cover zu vermitteln versucht. Wenigstens erhebt besagtes Cover nirgendwo den Anspruch, im Inneren einen Krimi zu bieten, ein Anspruch, der ganz wirkungslos verpuffen würde. Was der Roman bietet, ist gewissermaßen eine flache Krimifolie, auf der dann eine schwache Romanze zu stehen kommt, und auf nahezu 500 gnadenlosen Seiten werden die verschiedenen Wege referiert, auf denen sich die Protagonistin ihrem Verführer ergibt. Die Protagonistin – Paris, Radiomoderatorin, Mitte 30, unglücklicher Single, seit ihr Verlobter in einem Pflegeheim starb. Der Verführer – Dean, Polizeipsychologe, alleinerziehender Vater und seit ewigen Zeiten mit Paris befreundet und verbändelt. Beide finden zusammen, nachdem Paris im Rahmen ihrer nächtlichen Kummerkasten-Show einen unheilvollen Anruf erhält, indem ihr ein mordlüsterner Psychopath enthüllt, dass er seine Freundin binnen 72 Stunden umbringen wird. Das müsste Paris nicht weiter interessieren, hätte sie nicht den dummen Fehler gemacht, eben dieser Freundin auf Sendung zu einer Trennung von ihrem Freund zu raten. Nun ist er also wütend und bezieht auch die Moderatorin in seinen Racheplan an der Welt ein. Nach und nach orgelt der Roman eine Reihe von Verdächtigen runter (und dieser wenig illustre Kreis umfasst bald auch Deans adoleszenten Sohn Gavin), bis der Täter schließlich aus dem Gestrüpp der Geschichte springt: ein Polizist und Kollege von Dean - wie originell! - ist es, dessen chaotische Kindheit in einen unversöhnlichen Frauenhass mündete.
Lieblosigkeit und Langeweile in Hülle und Fülle Das alles scheint die Autorin nur am Rande zu interessieren, denn deren Augenmerk richtet sich exklusiv darauf, die beiden Hauptdarsteller der Romanze zusammen zu führen, auch wenn das bedeutet, dass alle anderen Charaktere, alle anderen, über die Romanze hinaus gehenden Handlungselemente mit einer fast bemerkenswerten Lieblosigkeit und Langeweile abgehandelt werden. Zu Beginn der Geschichte wird wenigstens noch der Versuch gemacht, die Innenwelt des Opfers aus einem personalen Blickwinkel darzustellen, um damit die Bösartigkeit des Täters wenigstens etwas auszuarbeiten, schließlich aber herrscht blankes Desinteresse, und die Arme landet ohne weiteren Kommentar als Wasserleiche im nächsten Teich versenkt. Allen anderen Charakteren widerfährt ähnliches. Soweit sie für das eng gestrickte Handlungsmuster der Liebesgeschichte nicht von Bedeutung sind, werden sie erzählerisch kurz und flach gehalten und erwecken in ihrer stereotypischen Erbärmlichkeit nur Mitleid. Das, selbst das, wäre noch zu ertragen, wenn wenigstens die Protagonisten Paris und Dean irgendwelche Reibungspunkte bieten würden, irgendwelche Anziehungspunkte, um den leserischen Aufwand zu rechtfertigen, aber auch hier regiert die Leere. Und so bekommt die einsame, aber einfühlsame Karrierefrau Paris schließlich ihren allmächtigen Prinzen, dessen Verhandlungsgeschick groß genug ist, um nicht nur Psychopathen, sondern auch seinen widerspenstigen 17jährigen Sohn zu bändigen, der sich schließlich vernünftig zeigt und verspricht, seine sexuellen und alkoholischen Eskapaden zu beenden. Die gibt es als Zuckerl obenauf – die ganze biedere, familienträchtige Ultrabürgerlichkeit wird ab und an unterbrochen von einigen halbpornographischen Sexszenen der beiden Protagonisten (Dean liegt oben, wo auch sonst), die diesem auf 500 Seiten ausgewalzten Groschenroman zwar auch nichts Anrüchiges geben, aber die beiden wenigstens kurzfristig aus ihrer holzschnittartigen Existenz zu wecken versuchen.
Daniel J. Gall
Sandra Brown – Rage/Zorn. Deutsch von Christoph Göler. München: Blanvalet, 2006, gebunden, 440 Seiten, 19,95 Euro. ISBN: 3764501634
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