Medusa Pool – übrigens nicht der Name der Autorin, wie man als Ahnungsloser beim Blick auf das Cover vermuten könnte – ist also ein Titel, der so oder so neugierig macht. Tatsächlich handelt es sich um ein riesiges trichterförmiges Bassin gefüllt mit lauter Quallen. Es steht im Ozeanographischen Institut des Städtchens Westport an der amerikanischen Westküste. Dort wird auch die erste Leiche geborgen: Jan Koto, leidenschaftlicher Meeresbiologe und Quallenspezialist, ist der Tote im Medusentank. So spannend wie die Geschichte anfängt, so spannend geht sie weiter.
Verbrechen bedürfen der Aufklärung und die leistet Neely Jones, der afroamerikanische, weibliche Sheriff des kriminell virulenten Bezirks. Wer am nämlichen Tag des Mordes ungewollt zum Chef einer von weißen Männern dominierten Polizeitruppe gekürt wird, um im politisch korrekten Diskurs zu bleiben, und mit Jan Koto die große Liebe verliert, der muss beinhart sein.
Kaum der Männerwelt vorangestellt, bekommt Sheriff Jones den alltäglichen Rassismus zu spüren. Nicht dass es vor ihrem neuen Job nicht auch schon so gewesen wäre, jetzt ist es nur noch schlimmer. Auch die neonazistische Fratze hat ein Gesicht: ein halbstarker Graffitisprayer macht ihr das Leben schwer.
Aber Neely Jones beherrscht sich, dauernd beherrscht sie sich, das macht sie nicht gerade sympathisch, aber auch nicht unsympatisch. Die Anfeindungen schrecken sie nicht ab, potenzieren im Gegenteil Kräfte in ihr, die an ihrem Zorn und an ihrer Trauer wachsen.
Ihr Erfolg gibt ihr recht. Nicht nur bestätigt durch die Wahl zum Sheriff, sondern auch durch parallel zum Fall Koto losgeschickte Erzählstränge. Insgesamt verharrt allerdings in diesem Erfolg, den auch die Kollegen anerkennen müssen, der gesellschaftskritische Impetus der Autorin, einer, eigentlich, der konstatiert und in der Hauptfigur seine nahezu übermenschliche Super-Neely gefunden hat.
“Sieg? Ich hab ihr doch gesagt, dass ich den Job nicht will, verdammt noch mal.” Der Ton ist authentisch und rau, häufig die Mimikry gesprochener Sprache. In der flächendeckenden direkten Rede, die sich typografisch noch am saubersten von dem Geflecht aus präsentischer Erzählung und erlebter Rede abhebt, werden alle Register gezückt.
Osmotisch gleitet der Erzähler in alle Figuren hinein und bringt dadurch das Wesen dieser Erzählform zutage: eine “Ansteckung” der Erzählersprache durch die Figurensprache. “Verdammt nochmal, sie [Neely Jones] hatte den ganzen Tag kaum an Jennifer Kaynard gedacht”. Das Großangebot an darstellerischen Mitteln weckt die Frage, ob sie mit Absicht gewählt oder Zufall sind. Nichtsdestotrotz halten sie die Story lebendig.
Sie beiße sich so durch, sagt sie, immer in der Hoffnung, dass ihre Alarmglöckchen klingeln. Auch gut, wenn Verbrechen von einer methodisch präzise arbeitenden Chef-Aufklärerin durch einen Laut des persönlichen Warnsystems mit ausgetüftelt werden. Wenn die Glocken nur nicht dauernd klingeln würden. Nennen wir sie also Intuition, Instinkt und Erfahrung und wer will, darf sich schon jetzt auf einen zweiten Band der Neely Jones-Saga freuen. Nach dieser Lektüre ist bestimmt auch jeder versiert in Sachen amerikanischer Polizeiterminologie.
Vergnüglich stellt der Leser fest, dass die Lösung der verbrecherischen Machenschaften, die weit über den Beckenrand des Medusenpools hinaus reichen, spannend bleibt, wie es zu Beginn versprochen wurde.
Textauszug:
“Die hirn- und augenlosen Tiere können sich nur durchs Wasser bewegen, indem sie richtungslos pulsierend ihre großen Schirme auf- und zufalten. Und doch sind Quallen fünfhundert Millionen Jahre lang durch die Meere der Erde getrieben und haben Myriaden von Erscheinungsformen entwickelt. Sie bestehen praktisch nur aus Wasser – lebende Kapseln des Meeres.”
Senta Wagner
M.K. Wren. Medusa Pool. Roman. Aus dem Englischen von Annette Blum. Unionsverlag Taschenbuch 2001, 283 S., 8,90 ¤, ISBN 3-293-20211-X