Kennzeichen T - 25.05.2012 Thomas Kistner: Fifa-Mafia Frankie Chavez: Family Tree von Michael Ebmeyer David Small: Stiche. Erinnerungen Der FUTTERblog - streng verdaulich!
Freitag, 25. Mai 2012 | 22:23

 

M.K. Wren: Medusa Pool

18.02.2004






Tod unter Quallen



 

Medusa Pool – übrigens nicht der Name der Autorin, wie man als Ahnungsloser beim Blick auf das Cover vermuten könnte – ist also ein Titel, der so oder so neugierig macht. Tatsächlich handelt es sich um ein riesiges trichterförmiges Bassin gefüllt mit lauter Quallen. Es steht im Ozeanographischen Institut des Städtchens Westport an der amerikanischen Westküste. Dort wird auch die erste Leiche geborgen: Jan Koto, leidenschaftlicher Meeresbiologe und Quallenspezialist, ist der Tote im Medusentank. So spannend wie die Geschichte anfängt, so spannend geht sie weiter.

Verbrechen bedürfen der Aufklärung und die leistet Neely Jones, der afroamerikanische, weibliche Sheriff des kriminell virulenten Bezirks. Wer am nämlichen Tag des Mordes ungewollt zum Chef einer von weißen Männern dominierten Polizeitruppe gekürt wird, um im politisch korrekten Diskurs zu bleiben, und mit Jan Koto die große Liebe verliert, der muss beinhart sein.

Kaum der Männerwelt vorangestellt, bekommt Sheriff Jones den alltäglichen Rassismus zu spüren. Nicht dass es vor ihrem neuen Job nicht auch schon so gewesen wäre, jetzt ist es nur noch schlimmer. Auch die neonazistische Fratze hat ein Gesicht: ein halbstarker Graffitisprayer macht ihr das Leben schwer.

Aber Neely Jones beherrscht sich, dauernd beherrscht sie sich, das macht sie nicht gerade sympathisch, aber auch nicht unsympatisch. Die Anfeindungen schrecken sie nicht ab, potenzieren im Gegenteil Kräfte in ihr, die an ihrem Zorn und an ihrer Trauer wachsen.

Ihr Erfolg gibt ihr recht. Nicht nur bestätigt durch die Wahl zum Sheriff, sondern auch durch parallel zum Fall Koto losgeschickte Erzählstränge. Insgesamt verharrt allerdings in diesem Erfolg, den auch die Kollegen anerkennen müssen, der gesellschaftskritische Impetus der Autorin, einer, eigentlich, der konstatiert und in der Hauptfigur seine nahezu übermenschliche Super-Neely gefunden hat.

“Sieg? Ich hab ihr doch gesagt, dass ich den Job nicht will, verdammt noch mal.” Der Ton ist authentisch und rau, häufig die Mimikry gesprochener Sprache. In der flächendeckenden direkten Rede, die sich typografisch noch am saubersten von dem Geflecht aus präsentischer Erzählung und erlebter Rede abhebt, werden alle Register gezückt.

Osmotisch gleitet der Erzähler in alle Figuren hinein und bringt dadurch das Wesen dieser Erzählform zutage: eine “Ansteckung” der Erzählersprache durch die Figurensprache. “Verdammt nochmal, sie [Neely Jones] hatte den ganzen Tag kaum an Jennifer Kaynard gedacht”. Das Großangebot an darstellerischen Mitteln weckt die Frage, ob sie mit Absicht gewählt oder Zufall sind. Nichtsdestotrotz halten sie die Story lebendig.

Sie beiße sich so durch, sagt sie, immer in der Hoffnung, dass ihre Alarmglöckchen klingeln. Auch gut, wenn Verbrechen von einer methodisch präzise arbeitenden Chef-Aufklärerin durch einen Laut des persönlichen Warnsystems mit ausgetüftelt werden. Wenn die Glocken nur nicht dauernd klingeln würden. Nennen wir sie also Intuition, Instinkt und Erfahrung und wer will, darf sich schon jetzt auf einen zweiten Band der Neely Jones-Saga freuen. Nach dieser Lektüre ist bestimmt auch jeder versiert in Sachen amerikanischer Polizeiterminologie.

Vergnüglich stellt der Leser fest, dass die Lösung der verbrecherischen Machenschaften, die weit über den Beckenrand des Medusenpools hinaus reichen, spannend bleibt, wie es zu Beginn versprochen wurde.


Textauszug:
“Die hirn- und augenlosen Tiere können sich nur durchs Wasser bewegen, indem sie richtungslos pulsierend ihre großen Schirme auf- und zufalten. Und doch sind Quallen fünfhundert Millionen Jahre lang durch die Meere der Erde getrieben und haben Myriaden von Erscheinungsformen entwickelt. Sie bestehen praktisch nur aus Wasser – lebende Kapseln des Meeres.”


Senta Wagner


M.K. Wren. Medusa Pool. Roman. Aus dem Englischen von Annette Blum. Unionsverlag Taschenbuch 2001, 283 S., 8,90 ¤, ISBN 3-293-20211-X

 

TITEL-Kulturmagazin bietet regelmäßig Neuigkeiten aus Literatur, Musik und Film. Unabhängig und kompetent - seit über 10 Jahren!

Unser Lieblingssufi live!!

06.06. Aachen, Musikbunker
07.06. Hannover, Musiktheater Bad
19.06. Hamburg, Uebel & Gefährlich
20.06. Berlin, Gretchen
21.06. Leipzig, UT Connewitz
22.06. ...

Dichter und Diplomat

»Ich erzähle von Dingen, die mich sehr stark geprägt haben. Zum Beispiel, der Spanische Bürgerkrieg aufgrund der vielen Republikaner, die in Mexiko Zuflucht suchten und die ...

»Die Wahrheit ist ein scheues Kind ...«

Mit dem Roman Tannöd begann 2006 die erstaunliche Karriere der Andrea Maria Schenkel. Der Nachfolger, Kalteis (2007), bewegte sich noch ganz im Dunstkreis des erfolgreichen ...

Götter verstehen keinen Spaß

Wenn Shakespeare sich in der griechischen Mythologie bedient und den blindes Seher Tiresias zum Helden eines seiner Stücke gemacht hätte, der Inhalt hätte durchaus so aussehen ...

Raubbau an Körper und Seele

In Stiche erzählt David Small die Geschichte seiner Kindheit und Jugend im wissenschaftshörigen Amerika der ...

Kampf der Superlative

Wenn ausgerechnet Incal-Autor Alejandro Jodorowsky, der inzwischen auch »Heilung durch Kunst« betreibt, die Geschichte des mächtigsten Killers des Universums erzählt, ...

Elektronische Findlinge

Aus dem Harz oder vom Bosporus – viele Wege führen in eine der zeitgenössischen Kreativ-Metropolen für Top-Produzenten elektronischer Musik ...

Back for good

Zwei interessante Wiederveröffentlichungen aus den 70ern, vorgestellt von TOM ASAM.

Licht wo zu viel Schatten lag

Jetzt mal ehrlich, das Buch Fifa-Mafia von Thomas Kistner ist keine einfache Kost. Zu ungebremst und schnörkellos werden einem hier schallernde Fakten um die Ohren gehauen. ...

Valium im schwarzen Anzug

Die MIB-Filmreihe von Regisseur Barry Sonnenfeld komplettiert sich nun zur Trilogie und tischt dem Zuschauer das Alte vom Vortag nochmal neu auf – nur diesmal in 3D. Lasst euch vom ...