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Freitag, 25. Mai 2012 | 22:25

 

Henning Mankell: Die Brandmauer

18.02.2004





Zwei Enden eines Stricks




 

Der erste Satz des neuen Krimis von Henning Mankell lautet: „Am Abend flaute der Wind plötzlich ab und schlief dann völlig ein.“ Eine Wetterbeobachtung also, die einen sogleich auf die Spur setzt: Da wird etwas still – plötzlich gar – und man ahnt, dass es nicht ruhig bleiben wird. Ganz im Gegenteil. Als erfahrener Mankell-Leser hat man auch nichts anderes erwartet. Stets setzt der Meister – als solchen darf man Mankell ohne Schamesröte bezeichnen – an den Anfang seiner nicht geraden schmalen Bücher eine derartig atmosphärisch präzise wie im weiteren Fortlauf wichtige offene Information. In „Die fünfte Frau“, mit dem Mankell hierzulande den Durchbruch schaffte, heißt es: „In der Nacht, als sie gekommen waren, um ihren heiligen Auftrag durchzuführen, war alles sehr still.“ Der zeitlich davor liegende Roman „Mörder ohne Gesicht“ beginnt recht kryptisch mit: „Etwas hat er vergessen, das weiß er genau, als er aufwacht.“ Und auch „Die weiße Löwin“, Mankells sicherlich am wenigsten typischer Roman, eröffnet mit einer Datumsangabe und einer vagen Anspielung: „Am späten Nachmittag des 21. April 1918 trafen sich drei junge Männer in einem unauffälligen Cafe im Johannesburger Stadtteil Kensington.“ Unauffällig, so so.

Der Mankell-Leser weiß natürlich, dass sein Idol jeweils ein zunächst für sich stehendes Intro setzt, bevor Kommissar Kurt Wallander wenige Seiten später mit dem eigentlichen Romananfang die Bühne betritt und sich in Richtung seines Schreibtisches beziehungsweise des Kaffeeautomaten seines Reviers bewegt. Auch hier zündet jeweils der erste Satz: „Die Immobilienmaklerin Louise Akerblom verließ die Sparbank in Skurup am Freitag, dem 24. April, kurz nach drei Uhr“ heißt es in „Die weiße Löwin“ und man weiß, dass Wallander in Kürze vor ihrer Leiche kniet. „Der Brief kam am 19. August in Ystad an“ eröffnet den Reigen um „Die fünfte Frau“ und in „Mörder ohne Gesicht“ wird Wallanders Erscheinen mit dem profan sachlichen Satz „Der Eingang des Telefongesprächs wurde von der Polizei in Ystad gegen 5.13 Uhr registriert.“ eingeleitet. Damit ist jeweils deutlich, wie Mankells Romane arbeiten: Aus zwei Blickwinkeln, zwei Orten, geführt von zwei Personen werden wir hineingeworfen in ein zunächst undurchschaubares Geschehen. Und im Grunde ist das auch schon die große Kunst des schwedischen Erfolgsautoren: Man nehme zwei Enden eines Strickes in seine zwei Hände, halte die Hände hoch und verbringe nun die nächsten Stunden damit, die beiden Enden auf sich zu und wieder von sich weg bewegen zu lassen. Bis am Ende die Enden ...

Nun also der neueste Mankell, dessen Einleitungssatz zur Haupthandlung noch zitiert werden muss, der da lautet: „Als Kurt Wallander sich in der Mariagata in Ystad in seinen Wagen setzte, war ihm beklommen zumute.“ Beklommen – aha!

Weiter soll hier dem Krimilesevergnügen huldigend nichts verraten werden; nur das wiedergegeben, was auf dem Klappentext steht. Und demnach geht es diesmal um den Mord an einem Taxifahrer; um einen Mann, der vor einem Bankautomaten tot umfällt und um eine verkohlte Leiche in einer Transformatorstation. Eingestanden werden soll auch, dass der neue Mankell so spannend wie alle seine Vorgänger ist und man kann sich darauf freuen, dass sich schnell dieses Gefühl einstellen wird, man möchte alles stehen und liegen lassen, nur um zu lesen und zu lesen und zu lesen. Und das noch dazu: „Die Brandmauer“ ist tatsächlich eine Art Wallander-Revue geworden, eine Abschiedstournee und auch ein Abschiedsbuch, so wie es im Vorfeld ja bereits durchgesickert war. Wallander erinnert sich an seine zurückliegenden Fälle, was gelungen war und wo es beinahe bös‘ ausgegangen wäre. Wir alle werden noch einmal daran erinnert, wie das war als sein malender Vater starb, wie es Schwierigkeiten mit seiner Tochter Linda gab und wie er zu unser aller Freude ja erst jüngst in den Polizeidienst zurückkehrte, Arbeit als Medikament gegen seine latenten Depressionen. Auch fehlt wieder nicht jener leicht klagender Tonfall der modernen Gesellschaft gegenüber: Die Welt ist schlecht, aber nicht richtig böse. Ihr Held ein wenig verzweifelt, weiß aber stets die Fassung zu bewahren. Und das ist auch nötig, denn was soll Wallander davon halten, dass jener tote Bankautomatenkunde offensichtlich ein Doppelleben geführt hat, denn warum hat man seine Leiche aus der Pathologie geraubt und warum hat diese, als sie jemand (wer?) erneut vor dem Bankautomaten ablegt, zwei Finger weniger?

Damit soll es genug sein! Der Schreiber dieser Zeilen ist – glücklicherweise! – noch am Lesen und verrät nur soviel: Auf Seite 351 hat gerade ein Anruf Wallander geweckt. Der Wachhabende berichtet ihm, dass man auf der Fähre von Schweden nach Polen im Maschinenraum eine Leiche entdeckt habe. Wallander weiß gleich, um wen es sich handeln wird: Um Jonas Landahl! Den so hastig entfleuchten Freund von Sonja Hökberg. Und es geht weiter mit: „Als Wallander die Leiter in den Maschinenraum hinunterkletterte, überkam ihn das Gefühl, dass ihn ein Inferno erwartete. Auch wenn das Schiff jetzt still am Kai lag und alles, was man hörte eine Pfeifen war, lag die Hölle dort unten in der Tiefe. Sie waren von einem aufgeregten Ersten Steuermann und zwei leichenblassen Matrosen empfangen worden. Wallander entnahm ihrer Aussage, dass der Körper, der dort unten im öligen Bilgewasser lag, bis zur Unkenntlichkeit verstümmelt war. Jemand, vielleicht Martinson, hatte ihm gesagt, dass ein Gerichtsmediziner auf dem Weg war. Ein Feuerwehrauto mit Rettungsleuten war bereits eingetroffen.“

Frank Keil-Behrens


Henning Mankell: Die Brandmauer. Aus dem Schwedischen von Wolfgang Butt. Zsolnay Verlag, München. 575 Seiten, 49,80 DM

 

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