Jeffery Deaver: Das Teufelsspiel
29.05.2006
Virtuoses Spiel mit Motiven
Spannung pur erwartet den Leser bei der Lektüre des neuen Thrillers von Jeffery Deaver. Man kann sich auf eine Art Achterbahnfahrt freuen, die durch ein virtuoses Spiel mit möglichen Tatmotiven auffällt. Immer neue Wendungen erzeugend, führt dies aber auch dazu, dass der Thriller zum Ende hin doch etwas konstruiert wirkt.
Um es gleich zu sagen: Für jeden Thriller-Fan sind die Romane um den körperbehinderten Ermittler Rhyme und seiner Partnerin Amelie Sachs ein Muss. Sie sind zunächst das, was man zuallererst von einem Thriller erwartet – sie sind sehr spannend. Auch diesmal setzt, wie nicht anders zu erwarten, die Handlung mit einem Knalleffekt, hier in einem abgelegenen Winkel einer New Yorker Bibliothek ein: Die sechzehnjährige Geneva Settle ist so sehr in ihre Lektüre vertieft, dass sie kaum wahrnimmt, was um sie herum vorgeht. Sie bemerkt beinahe zu spät, wie sich durch die dunklen Bibliotheksgänge ein Mann an sie heranschleicht – in seiner Hand hält er einen schweren Baseballschläger. Nur durch eine List und buchstäblich in letzter Sekunde gelingt es Geneva dem Angreifer zu entgehen...
Sprechen zunächst alle Indizien für eine versuchte Vergewaltigung, merkt das Ermittlerteam um Lincoln Rhyme schnell, dass es sich hier um einen eiskalten Profikiller handelt, dessen Markenzeichen die Tarotkarte des „Gehängten“ ist. Natürlich lauert der auf die nächste Gelegenheit Geneva doch noch zu töten. Und er zögert nicht, andere Menschen für dieses Ziel zu opfern. Doch warum soll ein sechzehnjähriges Mädchen unbedingt sterben? Aus dieser Frage und der Befürchtung, dass ihm das noch gelingen wird, bezieht der Thriller einen Großteil seiner Spannung. Ein sorgfältig ausgearbeitetes Psychogramm des Täters, der seine Gefährlichkeit lebendig vor Augen führt, treibt dabei die Handlung voran und macht diese plausibel.
Konstruierte Achterbahnfahrt
Die zahlreichen unerwarteten Wendungen, die für den Leser einer Art Achterbahnfahrt gleichkommen, und die aus einem virtuosen Spiel mit den möglichen Motiven generiert werden, können verblüffen und geben dem Leser immer wieder die Möglichkeit, sich über das tatsächliche Motiv den Kopf zu zerbrechen, das sogar mit einer längst vergangenen Geschichte vor über 140 Jahren zu tun haben könnte. Leider ist ein solches Vorgehen – und Deaver treibt es hier auf die Spitze – nicht ganz ohne Folgen zu haben, denn auch die aufregendste Achterbahnfahrt gelangt einmal an ihr Ende und dem einen oder anderen wird dann etwas komisch zu Mute sein. Nicht dass die Fahrt nicht gefallen hätte, doch vom Ende her erscheint doch alles ein bisschen konstruiert, zu kalkuliert, um insgesamt glaubwürdig gewesen zu sein. Um im Bilde zu bleiben: Was die Achterbahn nicht nötig hat, erwarten wir doch von einem wirklich guten Thriller. Er soll auch zum Ende hin überzeugen, sprich: glaubwürdig bleiben. Zu diesem Mangel passt übrigens auch die Banalität des tatsächlichen Tatmotivs (das hier natürlich nicht verraten wird) und das nicht recht zu den hohen Erwartungen passen will, die zuvor geweckt, aber letztlich doch nicht eingelöst werden. Auch in dieser Hinsicht stellt sich ein gewisses Maß an Unwohlsein ein. Oder anders gesagt: Die aufregende Achterbahnfahrt hat uns ein wenig den Magen umgedreht.
Frank Kaufmann
Jeffery Deaver: Das Teufelsspiel. Roman. München: Blanvalet 2006, 19,95 Euro. ISBN: 3-7645-0201-0