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Marcia Muller: Giftige Wasser

01.06.2006


Eine Krimigröße am Werk

Die bekannte Krimiautorin Marcia Muller vermag aus ein paar Ideen und eher schlappen Charakteren, einen sehr unterhaltsamen und runden Kriminalroman zu schreiben

 

Bekannt wurde Marcia Muller, weil sie einen neuen Typ Krimi erfand. Denn als 1977 ihr erster Roman mit Sharon McCone erschienen war, wurde eine emanzipierte Hardboileddetektivin geboren, die es mit jedem Mann aufnehmen kann, was damals eine echte Innovation war. In den Jahren danach entwickelte sie daraus eine Serie, die nun insgesamt knapp zwei Dutzend Bücher umfasst. Neben weiteren Reihen brachte Marcia Muller immer wieder von ihren Serienhelden unabhängige Romane heraus, wie zuletzt etwa „Dunkle Schatten“ und eben nunmehr „Giftige Wasser“, die übrigens beide in Soledad County im nördlichen Kalifornien spielen.

Und darum geht es: Es ist vierzehn Jahre her, dass Matthew Lindstrom seine Frau Gwen vermisst. Man fand damals lediglich ihr verlassenes Auto und ihre Handtasche. Seitdem hat sich Matthews Leben radikal verändert, hielt man ihn doch für den Mörder, dem man, mangels Leiche und Beweisen, nichts nachweisen konnte. Und obwohl dies letztlich nur ein Gerücht blieb, distanzierten sich nach und nach alle Freunde von ihm. Dass er zur fraglichen Zeit kein Alibi hatte und bekannt war, dass Gwen sich von ihm scheiden lassen wollte, sprach eindeutig gegen ihn. Die Distanziertheit machte schließlich offener Feindseeligkeit platz und kulminierte in einer Szene, in der ihn Gwens Freundin öffentlich beschimpfte. Daher verließ er seine Heimat Minnesota und baute sich schließlich in Kanada eine neue Existenz auf. Eines Sonntags, vierzehn Jahre später, bekommt er einen Anruf. Der anonyme Anrufer teilt ihm mit, dass Gwen unter falschem Namen lebt und sich angeblich bester Gesundheit erfreut. Nun wird Matthew seinerseits unter falschem Namen aktiv und reist nach Soledad County, um seine Frau zu suchen.

Da Matthew in seinem früheren Leben Fotograf war, fällt es ihm nicht schwer, bei der örtlichen Zeitung anzuheuern. Er lernt dabei die raubeinige Chefin der Zeitung, Carly McGuire, kennen. Er ahnt nicht, dass ausgerechnet Carly McGuire inzwischen die Lebenspartnerin seiner Frau geworden ist...

Marcia Muller schreibt von Anfang an in ihrer gewohnt einfachen und doch hochprofessionellen Art. Herausragend und sehr gelungen sind dabei insbesondere die Dialoge, die den Text dominieren, und die exakt und sehr geschmeidig wirken. Es wird aus einer personalen Perspektive heraus erzählt und abwechselnd zwischen Matthew Lindstrom und Carly McGuire hin und hergewechselt, um die Suche nach der dritten (oder eigentlichen) Hauptfigur, Matthews Frau Gwen alias Ardis Coleman, zu erzählen und am Schluss (das soll verraten werden) auch zu finden. Dann gibt es eine Überraschung (die soll nicht verraten werden).

Das Buch liest sich zügig, der Kriminalroman versteht es, den Leser zu unterhalten. Allerdings wird man den Eindruck nicht los, als schürfe der Text doch immer einen Tick zu sehr an der Oberfläche, was auch an den Charakteren liegen mag, die deutlich gezeichnet, aber letztlich eher zahm und glatt ausgelegt sind. Besonders Matthew Lindstrom, dem man zutraut, dass er mehr Wut und innere Konflikte in sich trägt, denn Grund genug hätte er ja, – gerade er wird im Verlauf der Handlung immer ruhiger und verständnisvoller. Und auch Carly McGuire ist bei weitem nicht das Raubein und die Powerfrau, wie es zunächst scheint. Dass Marcia Muller dennoch die sprichwörtliche Kurve kriegt und aus solch eher schlappen Charakteren immer wieder neue und überraschende Handlungen erzeugt, sodass sich der Roman insgesamt als rund und stimmig erweist, darin zeigt sich vielleicht die wahre schriftstellerische Eigenart und Größe der Marcia Muller.

Frank Kaufmann


Marcia Muller: Giftige Wasser. Krimi.
Aus dem Amerikanischen von Susanne Goga-Klinkenberg.
S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main.
Tb., 325 Seiten. 7,95 Euro.
ISBN: 3-596-16590-3

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