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Helene Tursten: Die Tätowierung

19.02.2004



Strandgut mit Folgen

Je mehr man über einen Ermordeten weiß, desto leichter wird es seinen Mörder zu finden: So lautet eine alte, in Kriminalromanen oft zitierte Polizeiweisheit. Doch was macht die Kommissarin, wenn vom Opfer nur ein Stück Schulter mit einer Tätowierung übrig geblieben ist?

 

Die schwedische Autorin Helene Tursten war bei uns bisher mit zwei Krimis vertreten, die eher zur zurückhaltenden Art gehören. Ihre Heldin, die Göteborger Kriminalinspektorin Irene Huss, klärte dabei die ihr zugetragenen Fälle mit einer gewissen stoischen Ruhe auf, während daheim ihre pubertierenden Zwillinge warten und der Lebensgefährte für einen halbwegs entspannten Feierabend zu viert zuständig ist. Gediegene Kriminalromane skandinavischer Prägung also, weit ab des amerikanisch inspirierten Thrillers, mit einem Minimum an Gewaltdarstellung ausgestattet, mit ein wenig Sozialkritik unterfüttert und einer positiven Grundhaltung dem Leben gegenüber garniert, die erst recht die Oberhand gewinnt, wenn der Täter gestellt und die Überstunden abgebaut werden können.

Nun hat Helene Tursten mit ihrem dritten Roman "Die Tätowierung" einen entscheidenden Sprung nach vorn gewagt und allzu sichere Gefilde verlassen. Allein die Einstiegsszene hat es in sich: Eine Frau, die mit ihrem Hund am Strand spazieren geht, findet im Wasser einen Sack. Der Inhalt: Etwas, was von einem Menschen noch übrig ist. Ob Mann oder Frau, welches Alter und welcher Nationalität, das wird noch zu ermitteln sein. Und es bleibt nicht der einzige Mord, der schon für sich umso bizarrer wird, je mehr Fakten zusammen getragen werden müssen.

Helene Tursten lässt sich diesmal viel Zeit, um diverse Handlungsstränge anzulegen, Fährten nachzugehen und Zusammenhänge anzudeuten. Nur so viel ist bald sicher: Die Suche führt in zwischenmenschliche Halbwelten, von denen der Normalbürger normalerweise nur mit Schaudern in der Zeitung liest. Und schon bald fühlt man sich dabei ertappt, wie man begierig Seite auf Seite verschlingt und sich jenes Krimigefühl einstellt, das einfach wissen will, was als nächstes geschieht.

Erzählt wird zugleich auch wie sich Irene Huss' Team Stück für Stück zusammen rauft, was bekanntlich die Charaktere schärft. Sicher, nichts grundsätzliches Neues, nichts Genre-sprengendes, aber ist es nicht immer wieder schön, wenn man sich schließlich in der Kommissariatsstube zwischen dem mürrischen Chef, dem ständig von privaten Problemen gebeutelten Assistenten und dem herzigen Lieblingskollegen der Heldin so richtig heimisch fühlt?

Noch etwas gefällt an diesem Krimi: Die Autorin wechselt in der Handlung behende zwischen dem behaglichen Göteborg und dem undurchschaubaren Kopenhagen, baut damit ihren Bestand an handelnden Personen aus, erweitert ihr Repertoire an Landschaftsimpressionen sowie Stadtansichten und erzählt zugleich ein wenig von den Mentalitätsunterschieden, die zwischen Schweden und Dänemark im Allgemeinen und den jeweiligen Polizeibehörden im Besonderen bestehen. So bekommt dieser Krimi eine weitere, ganz krimi-unspezifische Bodenhaftung und es ist am Ende tatsächlich nicht gelogen (wie sonst so oft), was unter der Titelzeile steht: Roman

Textauszug:

"Durch nichts ließ der Wind auf das Entsetzliche schließen. Im Gegenteil. Für Anfang Mai war die tanggesättigte Meeresbrise, die vom eisigen Wasser herüberwehte, erstaunlich mild. In den niedrigen Wellenkämmen funkelte die Sonne und versuchte so zu tun, als sei der Sommer bereits gekommen. Es war einer dieser ungewöhnlich warmen Frühlingstage, die so schnell wieder verschwinden, wie sie gekommen sind."

Helene Tursten bei Random House


Frank Keil-Behrens



Helene Tursten: Die Tätowierung. Aus dem Schwedischen von Holger Wolandt. BTB, München, 447 Seiten, 21, 90 Euro. ISBN 3-442-75065-2

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