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Henning Mankell: Wallanders erster Fall

19.02.2004



Sollte nicht Schluss sein mit Kurt Wallander?

Haben wir uns nicht von ihm in "Die Brandmauer" schweren Herzens verabschiedet? Von diesem so müden und auch so wachen Kommissar, der uns die letzten Jahre ein gutes Stück durch's Leben begleitet hat?

 

Eine gescheiterte Ehe - eine recht unklare Beziehung zu seiner Freundin - ein nicht immer einfaches Verhältnis zur Tochter - die Trauer um den Vater: Ja, Wallander hat einiges aushalten und mitmachen müssen, so wie viele von uns. Nur dass wir in der Regel keinen ganz so spannenden Beruf haben, der uns immer wieder in Lebensgefahr bringt und damit Todeserfahrung vermittelt - das Grundthema jedes Krimis. Nun also - bevor Kurt Wallanders Tochter Mona in Zukunft die Seiten füllen wird - noch ein letzter Band, den wir erwartungsvoll in den Händen halten: "Wallanders erster Fall"; dazu der Untertitel: "Und andere Erzählungen". Geschichten, an denen Henning Mankell in den vergangenen Jahren immer wieder geschrieben hat und die ihm dazu dienten, seinen Helden mit einer ungesagten Geschichte auszustatten, denn was heute ist, hat seine Gründe und Ursachen im Gestern. Stimmt! Da war doch immer ´was! Da gab es doch ein Vorleben, eine Existenz vor "Mörder ohne Gesicht", als Wallander in Grundzügen schon der Kommissar war, der er bis zuletzt geblieben ist; nur ausgefeilter, schwermütiger, entschlossener und auch verzweifelter ist er im Verlauf der folgenden sieben Romane geworden. Und es gibt da einen Moment, zu dem der erwachsene, der souveräne, der ausgebuffte Wallander immer wieder zurückkehrt, ein junger, unbedarfter Polizist ist er da, der von einem Mann niedergestochen wird und knapp mit dem Leben davon kommt, um sich immer wieder an diese Begegnung mit dem Ende und dem Aus zu erinnern und an ihm zu reiben.

Dies ist dann die erste Geschichte aus dem vermutlich wirklich letzten Wallander-Band, der zurückführt in jenes Leben, als Wallander noch in Malmö Streife geht und die Welt ringsum in bis heute anhaltende Unordnung geraten soll, an einem Junitag des Jahres 1969: Wallanders erster Fall. Alles wird hier angelegt: Ein aufgefundener Toter, dessen Tod schnell erklärt werden kann, nämlich durch Selbstmord. Und ihm steht gegenüber der Polizist, der einfach weiß, dass hier etwas nicht mit rechten Dingen zugegangen ist und der mit sich selbst ringt, ob er sich selbst glauben oder misstrauen soll. Und wie so oft ist es eine Kleinigkeit, die das Tor zum Ungeheuerlichen öffnet, dass nämlich etwas anders ist als es aussieht: ein ausgefüllter Lottoschein. Ja, bringt sich einer um und spielt vorher Lotto?
Wallander lebt hier noch alleine. Wallander lernt gerade die Frau kennen, von der er sich später trennen wird. Wallander fürchtet nichts so sehr wie das Verlassenwerden. Später hört er auf zu rauchen, hat eine fünfjährige Tochter, zieht um von Malmö nach Ystad (wüssten wir ohne Wallander, das es dieses Städtchen überhaupt gibt?), er hört Maria Callas und schließlich quillt ihm der Bauch über den Hosenbund. Wallander wird alt; innerlich und äußerlich. Wallander recherchiert die Machenschaften einer Autoschieberbande, kommt nicht recht vom Fleck und ein anderer Fall schiebt sich dazwischen.

Es gibt in diesem Band der nach geschobenen Geschichten einen Fall, der einem fast schmerzlich klar macht, über welches Talent Henning Mankell tatsächlich verfügt: "Der Tod des Fotografen". Ein Lehrstück des Mankellschen Könnens, das offen legt wie der Meister arbeitet. Ähnlich wie einem das Leben und Wirken der Bienen mit einem Blick klar wird, öffnet man nur die vorher präparierte Rückwand eines Bienenkorbes und blickt mit einem mal auf das Gewimmel, hinter dem sich Ordnung offenbart, so muss man nur diese knapp neunzig Seiten lesen, um zu verstehen wie Mankell seine Köder auslegt und alsbald langsam wieder einholt. Allein das Intro! An zwei Abenden zieht sich der alternde Fotograf in sein Labor zurück, widmet sich seinen heiligen Stunden. Er macht in diesen merkwürdige Dinge: Aus Zeitungen abfotografierte Portraits von Politikern und Prominenten verfremdet er geduldig, bis ihn deren Fratzen anschauen. Das weiß Wallander noch nicht, als er zum Tatort gerufen wird: Vor ihm liegt in dessen Blut ein Fotograf, der ansonsten die Menschen seiner Umgebung bei Hochzeiten, Taufen und Konfirmationen ablichtet und als zurückgezogener, etwas farbloser Mitbürger gilt. Man kann sich also Wallanders Erstaunen in all seinen körperlichen Verästelungen vorstellen, als er auf jene Fratzensammlung stößt und dabei eben auch ein verändertes Foto eines mittlerweile recht bekannten Kommissars entdeckt: Kurt Wallander.

Der Rest sei nicht verraten. Wie überhaupt zu hoffen ist, dass das gewisse Unklare, fast Mysteriöse, das alle Wallander-Werke durchzieht, bleibt. Ein Geheimnis zu grell beleuchtet, verliert seinen Reiz. Eine Frage zu ausführlich beantwortet, an diese mag man sich bald nicht mehr erinnern. Nicht auszudenken also, wenn es eines Tages - was der Krimigott verhüten möge - ein Lexikon des Kurt Wallander mit Umgebungsplan, Glossar und Personenregister geben sollte. Mankells letzter Wallander-Band ist dagegen ein wohltuendes Buch des eigen gewählten Abschiedes und der Bilanz, der man sich nicht entziehen kann, will man in Frieden gehen. Und so steht - und das ist in der vorliegenden Deutlichkeit vielleicht wirklich eine kleine Überraschung - am Anfang allen Erzählens im Nachhinein das Eingeständnis einer Geburtsphantasie: Ein Mann stirbt, um zu leben. Ein Mann taucht in das Schweigen, um zu erzählen. Da ist es konsequent, dass einer nach einem entsprechend nicht einfachen Leben seine Lebensaufgabe an ein Wesen aus eigen Fleisch und Blut übergibt: seiner Tochter, die Polizistin werden wird. Wir dürfen gespannt sein, welche Chancen der Autor ihr einräumt mit dem väterlichen, gottgleichen Erbe zu agieren.

Textauszug:

"Am Anfang war alles nur Nebel.
Ein dickflüssiges Meer, in dem alles weiß und still war. Eine Landschaft des Todes. Das war auch das erste, was Kurt Wallander dachte, als er langsam wieder zur Oberfläche aufstieg. Daß er schon tot war. Er war einundzwanzig Jahre alt geworden, mehr nicht. Ein junger Polizist, kaum erwachsen. Ein fremder Mann mit einem Messer war auf ihn zugestürzt, und er hatte keine Chance gehabt, sich zur Seite zu werfen.
Dann war nur der weiße Nebel dagewesen. Und das Schweigen."


Von Frank Keil-Behrens



Henning Mankell: Wallanders erster Fall
Aus dem Schwedischen von Wolfgang Butt
Zsolnay Verlag, München
477 Seiten, 24, 90 ¤
ISBN 3-552-05187-2

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