Ein guter Krimi packt einen im Genick und lässt einen erst wieder los, wenn die letzte Seite gelesen ist. Lenina kämpft des Hamburger Krimiautoren Robert Brack ist so ein Buch. Das Tempo ist von Anfang an flott, die junge Heldin wird einem schon nach wenigen Sätzen vertraut und man stolpert mit ihr gerne durch ein halbfertiges wie anrührendes Leben.
Der Fall ist Anlass für diese Begleitung: Leninas Vater wird eines nachts tot aus dem Hafenbecken gezogen; ein Altlinker, ein Detektiv mit einem gammeligen Büro im Hamburger Szenestadtteil Ottensen, in dem er halb lebte, halb hauste, halb arbeitete. Da stimmt etwas nicht – wozu hätte er sonst diesen Revolver so sorgsam verpackt versteckt? Und was ermittelte er überhaupt, was ihm nun so gefährlich wurde? Darüber hinaus hat es Lenina nicht leicht mit ihren hippen, bauchnabelfreien Freundinnen, die sie von einem In-Schuppen in den nächsten schleppen und ihr ständig irgendwelche kleinen Dinge aus Döschen anbieten, wo sie doch lieber bei klarem Verstand auf einer Matinee Beethoven oder Mozart hört. Und dann sind da noch die durchgeknallten Buddha-Techno-Freaks von nebenan wie überhaupt jede Menge neuaufgeregter Szenezöglinge, denen der Autor seine Spottlust widmet. Und was hilft’s?
Lenina, die mal schlagfertige, mal vergrübelte Aikido-Kämpferin, ebnet sich ihren Weg. Brack schreibt dieses alles gekonnt, flüssig, stilsicher. Schräge Sprachbilder, schmerzende Vergleiche oder kraftmeierische Schnoddrigkeit, wie man sie bei deutschen Krimiautoren oft findet, gerade wenn sie sich in die Jugendszene (oder was sie dafür halten) begeben, bei ihm bleiben sie aus. Außerdem bietet sein Buch jede Menge Lokalkolorit für den Hamburger Hafenfan, und wer einmal länger in Ottensen weilte, ist eingeladen zu rätseln und zu raten, durch welchen Torweg es wohl gerade geht.
Doch leider unterläuft dem Autor dann doch ein verhängnisvoller Fehler: Er wird allzu konkret und kann es am Ende nicht lassen, seinen Krimi in eine nur zu durchschaubare Kampfschrift gegen den aktuellen Innensenator Ronald Schill münden zu lassen. Es ist eine ominöse, neuerdings im Senat der Hansestadt vertretene Rechtspartei namens Deutsche Partei für Ordnung (D.P.O), die im Hintergrund die Fäden zieht, angeführt von einem ehemaligen Jugendrichter namens Schaller. Das wäre in dieser aufdringlichen Schlichtheit erstens nicht nötig gewesen, verstößt es doch zweitens gegen eine goldene Regel: Ein guter Krimi lebt von verstreuten Andeutungen, von vagen Untertönen, aus denen sich ein ganz eigenes Geflecht von scheinbar privaten Assoziationen, ästhetischen Positionen und auch handfesten politischen Argumentationen entspinnt; und eben nicht von schrillen Klängen, die zudem dem Leser das Gefühl geben, hier nicht mehr als eigenständiges und des Nachdenkens fähiges Wesen, sondern als etwas müder und eilfertiger Claqueur erwünscht zu sein.
Textauszug:
„Ich weiß, dass es der Harmonie zwischen Körper und Geist nicht förderlich ist, wenn man sich gehen lässt. Trotzdem blieb ich im Bett. Statt zu trainieren, heulte ich vor mich hin, sah fern, knabberte Erdnussflips und trank Diät-Cola.
Ich ging nichts ans Telefon, ich kochte keinen Tee, kaufte keine Brötchen; ich lag muffig im muffigen Bett und schlurfte ab und zu mit nackten Füßen zur Toilette, warf meinem verstrubbelten Spiegelbild einen verzweifelten Blick zu und merkte noch nicht einmal, dass mir beim nächtlichen Herumwälzen im unruhigen Schlaf zwei Pyjamaknöpfe abgerissen waren.“ Frank Keil-Behrens
Robert Brack: Lenina kämpft. Edition Nautilus 2003. Kartoniert. 190 Seiten. 12,90 Euro.
ISBN 3-89401-408-3