Die Trauerarbeit hat ein Ende. Ein neuer Mankell ist da. Held ist der siebenunddreißigjährige Polizeikommissar Stefan Lindman aus Südschweden. Moment: Sollte nicht Wallanders Tochter dessen Job übernehmen? Egal. Man hält ein dickes Buch in den Händen, von dem man eines befürchtet und eines erwartet: Dass man es noch diese Nacht verschlingen wird und dass es ausgelesen nur wieder Lust auf den nächsten Mankell macht.
Im Grunde seines schriftstellerischen Herzens ist Henning Mankell ein konservativer Mensch. Und das ist gut so für all die, die sich zu seinen Fans bekennen und die damit jeweils einen neuen Krimi erwarten, der im Grunde der immer gleiche bleibt: Eine spannende Geschichte zieht einen sofort in ihren Bann; man empfindet spontane und bald anhaltende Sympathie für den die Handlung tragenden Helden; man wird lange genug in die Irre geführt, um am Ball zu bleiben; man wird nicht durch eine desaströs-zusammengestrickte Auflösung enttäuscht (wie das bei Krimis ab dem zweiten Drittel regelmäßig der Fall ist); und man ist und bleibt ein Teil des Mankellschen Universums, auf das man den neuesten Krimi wie einen lieben, unersetzlich gewordenen Freund begrüßt, sobald man ihn aufschlägt.
Bekanntlich war mit dem letzten Mankell das Ende der Ära des Kurt Wallander beschlossen. Das schmerzte, doch Schmerz zeigt oft nur an, dass etwas Altes abgeschlossen werden muss, damit etwas Neues entsteht, das aber doch die Sicherheiten und Gewissheiten des Alten enthält – plus Neuem eben. Und das heißt Stefan Lindman ist Kommissar kurz vor den Vierzigern und auch er ist ein eher in sich gekehrter Zeitgenosse, den das Schicksal der anderen zum Grübeln bringt, was ihn zugleich am Laufen hält. Und auch selbst ist er nicht gerade mit ungestümen Glück beschenkt oder heiterer Lebenslust ausgefüllt. Konkret: Er hat Krebs. Einen Knoten auf der Zunge. Das ist nicht wenig für einen, dessen Tagwerk durch das Befragen von Zeugen, Verdächtigen und Kollegen geprägt wird und der zugleich in einem anhaltenden Selbstgespräch versenkt ist. Allein schon: Wie redet man über Krebs? Wem erzählt man es wie? Und dann ist da noch Elena, die Frau, die er liebt und mit der er halb zusammen und halb nicht zusammen lebt; die zweite Frau, geschieden ist er auch. Mankell eben.
Der Fall: Ein ehemaliger Kollege, der irgendwo zurückgezogen und fast versteckt wohnte, wird ermordet aufgefunden. Ermordet! Bei Mankell wird selten jemand einfach so ermordet. Regelrecht hingeschlachtet hat man ihn, über Stunden. Kaum ist noch etwas übrig und zugleich hat der oder haben die Täter etwas sehr seltsames mit dem Opfer angestellt: Jemand muss mit dem sterbenden und blutüberströmten Expolizisten einen letzten Tango getanzt haben. Und wie üblich gibt es lange keine Spur, kein Motiv und sehr viele Unklarheiten in des Opfers Vergangenheit.
Doch wer hier angekommen ist, der ist schon längst gefangen in den Stricken, die Mankell eben auslegt: ein Intro, dass mit einem Flug von England ins Deutschland der Dezembertage 1945 zurück in eine Vergangenheit führt, die zunächst beziehungslos zum eigentlichen Romanbeginn steht - ein Held, der genug mit sich zu tun hätte, aber sogleich von einem Fall gebannt wird - ein Mord, der so viele Rätsel wie solide Spannung aufweist - ein Geflecht aus Unklarheiten, Anhaltspunkten und Spekulationen, die die Handlung vorantreiben, bis man ganz langsam aus dem Dunkeln auftaucht, während es draußen hell wird.
Sicher: So ist es bei Mankell schon immer gewesen und so wird es immer sein. Das ist es auch, warum man ihn liest (oder eben nicht liest): diesen konservativen Autoren, der es stets aufs neue vermag, seine Grundgeschichte vom Bösen und Guten zu erzählen, dass wir es merken und nicht merken, weil es nur beim Lesen stört.
"Nachts lag er wach, von Schemen umgeben. Es hatte angefangen, als er zweiundzwanzig Jahre alt war. Jetzt war er sechsundsiebzig. Seit vierundfünfzig Jahren verbrachte er seine Nächte schlaflos. Und immer waren die Schatten um ihn gewesen. Nur in Perioden, in denen er große Mengen Schlafmittel genommen hatte, war es ihm gelungen, nachts zu schlafen. Aber wenn er erwachte, wusste er, dass die Schatten dennoch da gewesen waren, auch wenn er nichts von ihnen gemerkt hatte."
Frank Keil-Behrens
Henning Mankell: Die Rückkehr des Tanzlehrers. Aus dem Schwedischen von Wolfgang Butt. Zsolnay Verlag, 505 Seiten, 24,90 Euro. ISBN-3-552-05205-4