Wie schnell die Zeit vergeht, verrät nicht selten der Blick ins Bücherregal: Wo eben noch Platz für einen neu entdeckten Autor geschaffen wurde, stapeln sich mittlerweile dessen Werke. Auch schon wieder fünfzehn Jahre ist es her, da betrat der Schwede Hakan Nesser mit seinem Helden Van Veeteren die Krimibühne. Und es folgte Buch für Buch erst solide und schon bald überdurchschnittliche Kost; einerseits skandinavisch angehaucht, andererseits doch nicht ganz so sehr der dort vermuteten Tristesse verpflichtet, selbst wenn auf jeder Seite die Kaffeetassen gefüllt werden.
Nesser wird immer besserNun wo sich Nessers auf zehn Bände angelegte Van Veeteren Reihe langsam dem Ende zuneigt, dreht der Autor noch einmal richtig auf: Mit großer Geste und im Bewusstsein seines über die Jahre erworbenen schriftstellerischen Könnens legt er zu Beginn seines neuen Krimis mit dem etwas sperrigen Titel
Die Schwalbe, die Katze, die Rose und der Tod verschiedene Spuren aus, sodass man die ersten hundert Seiten nicht ahnt, wohin die Reise geht. Und doch wird man aufs Heftigste gepackt, will man wissen, ob sich das Schreckliche noch abwenden lässt, das so zielstrebig seinen Lauf nimmt. Nach Griechenland wird man geführt, nach London und ins Polizeirevier von Maardam; jenem sagenumwobenen Ort, wo einerseits die Mannschaft um Kommissar Münster ergeben ihren Dienst tut, wo aber auch das Antiquariat ist, in das sich der einstige Hauptkommissar Van Veeteren wie in eine Art inneres Exil zurückgezogen hat.
Doch mit der Ruhe ist es bald vorbei: Eine Frau verschwindet über Nacht in einer Schlucht; ein junges Mädchen beginnt eines Abends erst recht ungelenk, dann umso zielstrebiger ein Verhältnis mit dem Liebhaber ihrer Mutter; ein sich in keiner guten Verfassung befindlicher Priester sucht Zuspruch - bis sich die einzelnen Handlungsstränge zu einer komplexen Handlung zu bündeln scheinen. Denn die Frau bleibt verschwunden, das Mädchen wird vergeblich versuchen, das Geschehene ungeschehen zu machen und den Priester wird nie Zuspruch ereilen.
Gnadenlose Distanz
Noch einmal bekommen dabei Inspektorin Moreno, Kommissar Münster und eben auch Hauptkommissar Van Veeteren die Gelegenheit, ihr kriminalistisches Können jenseits formaler Logik anzuwenden. Unterstützt werden sie dabei vom mittlerweile verfeinerten Stil des Autors: Nesser hält gnadenlose Distanz zu seinen Helden, erst recht wenn diese Opfer werden. Dann folgen jene Beschreibungen, die einen ebenso bannen wie gefrieren lassen. Dann entdeckt man bei sich eine urtümlich anmutende Sehnsucht nach Gnade oder wenigstens Gerechtigkeit. Dann hält man einen seitenstarken Krimi in den Händen, der sich allerdings locker in einer Nacht bewältigen lässt - man muss nur das Licht brennen lassen.
"Im nächsten Leben möchte
ich ein Olivenbaum sein."Sie machte eine vage Geste mit der Hand zum Abhang hin, über den die Dämmerung schnell hinabsank.
"Die können mehrere hundert Jahre alt werden, habe ich gehört. Das klingt doch beruhigend, findest du nicht?"
Hinterher würde ihm immer mal wieder einfallen, dass das ihre letzten Worte waren. Über den Olivenbaum und das beruhigende Gefühl. Das war sonderbar. Als trüge sie irgendetwas Großes, Sublimes mit sich auf die andere Seite. Etwas Erhabenes, die Spur einer Art Einsicht, an der es ihr eigentlich mangelte.
Gleichzeitig erschien es ihm natürlich auch etwas eigentümlich, dass sie so eine allgemeine - und eigentlich ja ziemlich nichts sagende - Reflexion machte, direkt nach diesen schrecklichen Worten, die ihr Schicksal definitiv besiegelten. Die ihr Leben beendeten und ihrer Beziehung ihre letztendliche Bestimmung verliehen.
"Ich liebe einen anderen."
Frank Keil-Behrens
Hakan Nesser: Die Schwalbe, die Katze, die Rose und der Tod. Aus dem Schwedischen von Christel Hildebrandt. BTB 2003. Gebunden. 572 Seiten. 23,90 Euro. ISBN 3-442-75079-2