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Freitag, 25. Mai 2012 | 22:27

 

H.R. McGregor: Schrödingers Baby

19.02.2004

 


Von Katzen und Menschen

H.R. McGregor hat einen ganz und gar konventionellen Krimi geschrieben.



 

Beginnen wir mit einer Behauptung, die nicht bewiesen werden kann: Was der Moderne Baudelaires "Les Chats" und Poes "Black Cat" waren, ist der Postmoderne Schrödingers Katze. Das klingt erst mal gut und hat zudem eine grausige Parallele: den Halbtod der Katzen.

Doch während die sphinxhaften Geschöpfe der Dichter erst von Strukturalisten endgültig in die Agonie interpretiert wurden, war das Versuchstier des österreichischen Physikers und Nobelpreisträgers nie wirklich lebendig. Und das nicht nur, weil es sich um ein Gedankenexperiment handelte.

Denn bekannlich lässt Schrödingers Versuchsanordnung seiner Katze weder das Leben noch den Tod. Eingesperrt in einer von außen nicht einsehbaren Kiste, hängt ihr Schicksal von einem radioaktiven Element ab, dessen möglicher Zerfall einen Mechanismus in Gang setzen würde, der die Katze vergiftet. Da der Zeitpunkt dieses Zerfalls allerdings nicht vorherzusagen ist, befindet sich das Tier, solange es in der Kiste und nicht zu sehen ist, in einem bizarren Zustand zwischen lebendig und tot bzw. nicht-lebendig und nicht-tot. Auflösen kann der Betrachter diesen nur, indem er in die Kiste blickt - und damit, allein durch die Tatsache seines Blicks, das Ergebnis des Experiments entscheidet.

Die Literatur, die sich ja zunehmend fasziniert von den Naturwissenschaften zeigt, hat sich solcherart Subversion des Wissens natürlich nicht entgehen lassen. Folglich trifft die postmoderne Leserin mit unberechenbarer Regelmäßigkeit auf Schrödingers Katze.

Den neuesten Blick in die Metaphernkiste der Quantenphysik wagt jetzt H.R. McGregors Roman Schrödingers Baby. Der explizite Titel deutet wildes Schreiben an, lustvolle Unschärfen, den energiereichen Zerfall der Signifikanten, und was die Reste des Physik-Grundkurses noch hergeben. Freudig antizipiert man Unwägbares.

Allein, der Quantendilletant wird enttäuscht. Zwar zitieren die drei Kapitelanfänge artig physikalische Zeitschriften, zwar ist die Ich-Erzählerin Naturwissenschaftlerin und erweckt die Katze immer wieder zu ihrem Nicht-Leben, zwar übernehmen schließlich auch die anderen Figuren die metaphorische Rede davon. Doch dabei bleibt es auch. Denn formal ist der Roman noch immer bei Newton, will sagen: H.R. McGregor hat einen ganz und gar konventionellen Krimi geschrieben.

Die Studentin Juliet zieht mit den Schauspielschülern Billy, Chris und Kerry, sowie dem schwermütigen Pharmakologen Petruchio in eine WG in Glasgow (was sich hier bereits wie eine Soap anhört, wird es dann leider auch). Sie verliebt sich in die unberechenbare (!), Drogen und Sex verschlingende Kerry, wodurch ihr bis dahin kontrolliertes Leben immer mehr aus dem Gleichgewicht gerät. Schließlich wird Kerry schwanger, und wenig später verschwinden unter mysteriösen Umständen die beiden Star-Agenten, die die junge Schauspielerin vertreten wollten. So weit - etwa ein Drittel des Buches -, so lesbar.

Nun beginnen die Probleme, für die Figuren wie für die Autorin. Denn es sind noch an die zweihundert Seiten mit einer Geschichte zu füllen, die, weil sie formal kaum etwas zu bieten hat, fast ausschließlich von kriminalistischem Interesse ist. Umso fataler wirkt es deshalb, dass sich gerade die Frage nach dem Täter sehr bald erübrigt: Als Kreis der Verdächtigen zwei Suffköpfe, ein apathischer Depressiver, und eine hochimpulsive, mitunter gewalttätige Mitbewohnerin, die darüber hinaus als einzige eine Verbindung zu den verschwundenen (ermordeten?) Agenten hatte - simpler kann man die Katze nicht aus der Kiste lassen.

Bleiben also das Wie und Warum der Tat, und fast zweihundert Seiten. Tatsächlich gelingt es H.R. McGregor die erwartete Lösung bis zum Schluss hinauszuzögern. Das Mittel dazu hat sie möglicherweise aus der National Film and Television School, an der sie lehrt. Sie lässt ihre Figuren schlicht das tun, was auch der Fernsehzuschauer jeden Abend wieder goutiert: Die WG trinkt Cola. Und Bier. Und Wein. Und Whisky. Und hört Musik. Und sie kiffen. Und fliegen nach Spanien. Und feiern: "Kerry wurde sehr schnell sehr betrunken. Soweit ich mich erinnere, tanzten wir alle ein wenig, und dann fing Billy an, kleine Linien Speed zu ziehen. Wir warfen eine Münze, Petruchio mußte losgehen und mehr Champagner besorgen. Kerry und Billy waren total zu und steckten uns mit ihrer irren Ausgelassenheit an..." Und wären sie nicht gestorben, retardierten sie noch heute.

Wie gesagt: Baudelaire und Poe klingen gut, Schrödinger noch besser, und Schrödingers Baby erst recht. Namen sind sexy; name-dropping ist ein Aphrodisiakum des Diskurses. Die Moderne, die Postmoderne und eine gute Soap gibt es dafür trotzdem nicht.

Textauszug:
Die Büchse der Pandora. Vielleicht ein wenig wie Schrödingers Kiste? Vielleicht brachte Pandora ja lediglich die erste Wellenfunktion zum Zusammenbrechen, als sie ihre Büchse öffnete. Wo Dinge früher solide, real, entweder das eine oder das andere, sicher und bequem, den Newtonschen Gesetzen folgend, eine Welt mathematischer Syntax waren, wurden sie jetzt schlüpfrig, doppeldeutig, trügerisch, ungewiss, unfaßbar, das Quantum spielte unermüdlich mit der Wirklichkeit um die Vormachtstellung, jetzt siehst du’s, und jetzt nicht mehr, eine Welt der t-Quarks und b-Quarks, Anti-Quarks, Gluonen – der Stoff, aus dem die Träume sind. Eine im architektonischen Sinne inkohärente Welt.

Mathias Tretter



H.R. McGregor: Schrödingers Baby. Roman. rowohlt paperback. 334 S. 28 DM. ISBN 3-499-22726-6

 

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