Tatjana Ustinowa: Stirb, Brüderchen, Stirb
25.02.2007
Wachsam, Schwesterchen, wachsam
„Der russische Bär ist aus dem sozialistischen Winterschlaf aufgewacht und zum kapitalistischen Raubtier geworden.“
Warja hat auf ihrem Heimweg von der Arbeit nur eines im Sinn, sich so schnell wie möglich bei einem gemütlichen Weiberabend zu erholen. Es war ein wirklich völlig verkorkster Tag: erst lag plötzlich ein Toter im Büro und dann wurde sie auch noch angefahren, so dass sie im dreckigen Schneematsch landete. Eine kleine Party unter alten Freundinnen, bei Hausmannskost und etwas billigem Wodka, wird ihr gut tun. Auch ihre Freundin Tanja will sich ihre Sorgen vom Herzen reden. Ihr Exmann kümmert sich nicht um seinen Sohn und trotz ihrer Tätigkeit als Ärztin hat sie nicht genügend Geld für ihre kleine Familie. Neben ihrer ganz realistischen Verzweiflung erscheinen die mysteriösen Vorkommnisse, die Warja erlebte, ziemlich unwirklich.
Doch dann überschlagen sich die Ereignisse. Beide Freundinnen werden immer tiefer in undurchsichtige Machenschaften der Medien-Holding „Moskauer Zeit“ hineingezogen. Warja, der Träumerin, bleibt nichts anderes übrig, als sich den schwindelig machenden Fragen zu stellen, die sich ihr aufdrängen. Wie kam der Besucher im Büro zu Tode? Ist der Widerling von einem Chef jetzt auch ein Mörder? Warum beschenkt man gerade sie, die auf der Hühnerleiter des Büros ganz unten steht, mit dem Privileg einer Auslandsreise? Und wer ist der unbekannte, gut aussehende Geheimnisvolle, dem sie immer wieder begegnet?
Entfesselter Kapitalismus
Zum Glück hat sie sich einen gewissen Ruf als Mensch mit detektivischem Gespür erworben, als sie auf einem Familienfest für den Erhalt des familiären Friedens sorgte, indem sie verschwundene Brilliantohrringe wieder auftauchen ließ. Und so begibt sich Warja auf eigene Faust auf eine Ermittlungstour, in deren Verlauf sie sich einer neuen gesellschaftlichen Realität stellen muss, die anscheinend noch kälter ist als die alte.
Dabei kommt sie neuen und alten Methoden der Geschäftemacherei im Neuland des entfesselten russischen Raubtierkapitalismus auf die Spur. Auch der undurchsichtige Attraktive stellt sich als einer von den „neuen“ Russen heraus. Er ist sogar noch neuer, das heißt noch reicher, und das schließt ihn erfahrungsgemäß davon aus, zu den Guten zu gehören, oder?
Ein Krimi zwischen Märchen und einer neurussischen Realität, der Brutalität der alten Raubtiere im neuen Pelz. Wer will der Heldin das magische Happy End mit Harley Davidson und Märchenprinz verargen, alles ist besser als im postsozialistischen Abseits zu bleiben und noch von jedem eins auf die Nase zu kriegen.
Maggie Thieme
Tatjana Ustinowa: Stirb, Brüderchen, Stirb. Übersetzt von Margret Fieseler. Wunderlich 2007. 397 Seiten. 19,90 Euro