Max Bronski: München Blues
22.04.2007
Blockwart mit Herz
Nach Sister Sox erscheint mit München Blues Max Bronskis zweiter Kriminalroman. Erneut legt sich der Münchner Trödelladenbesitzer Wilhelm Gossec mit den Mächtigen an und sorgt mit seiner rustikalen Art für Gerechtigkeit: „Vor Hindernissen fange ich nicht zu weinen an, sondern hau sie weg.“
Eigentlich will sich Wilhelm Gossec mit Weißbier und „Prinz Eisenherz“-Büchern einen gemütlichen Abend machen, als er vor seinem Trödelladen den völlig besoffenen und besinnungslosen Ernst Hirschböck findet, den Staatssekretär des Wirtschaftsministeriums. In dessen Brusttasche steckt eine Einladung der Immobilienfirma Global Real Estate zum Oktoberfest, der Hirschböck offensichtlich ausgiebig nachgekommen ist. Hilfsbereit steckt Gossec den Staatssekretär in ein Taxi und hält damit den Fall für erledigt. Doch nur wenige Tage später stößt er wieder auf die Global Real Estate, in deren Auftrag Gossecs bester Freund Julius Balser zwangsentmietet wurde. Da Gossec eben hilfsbereit ist, nimmt er Julius bei sich auf und die Angelegenheit für seinen phlegmatischen Freund in die Hand. Schritt für Schritt kommt er dabei den Machenschaften korrupter Politiker und geldgieriger Immobilienhaie auf die Schliche.
Ein bayerisches Original
Gossec ermittelt quasi mit dem Weißbierglas in der einen und dem Totschläger in der anderen Hand. Einschüchterung und Gewaltanwendung sind seine subtilsten Befragungsmethoden. Er ist cholerisch, pedantisch und spürt selbst den „Blockwart in den Genen“. Aber da er sich zumindest zeitweise dafür schämt und er seinen Mitmenschen immer wieder selbstlos hilft, kann man ihm durchaus eine liebenswürdige Seite abgewinnen. Er soll eben ein bayerisches Original darstellen, hart aber herzlich. Das typisch Bayerische bzw. Münchnerische wird im Roman von fast allen Seiten beleuchtet. Der Autor lässt seinen Erzähler Gossec über die besten Weißwürste philosophieren, die bayerische Gesprächskultur, die Unterschiede zwischen Niederbayern und Oberbayern, die Wiesn, die Bavaria, bayerische Politiker usw.
Sprachwitz und hohes Erzähltempo
Die Figur Gossec und das bayerische Lokalkolorit sind im Grunde sehr gelungen. Im Gegensatz dazu wirken die Nebenfiguren etwas hölzern und eindimensional. Die Handlung ist leider etwas vorhersehbar und nimmt kaum überraschende Wendungen, was die Qualität eines Kriminalromans nicht unbedingt anhebt. Bronski scheint sich neben der Gestaltung Gossecs und dem bayerischen Hintergrund in erster Linie um die sprachliche Ausführung bemüht zu haben. Er setzt mit Erfolg auf Tempo und Sprachwitz, wobei nicht alle Formulierungen gelungen sind und einige Passagen relativ platt wirken, zum Beispiel Gossecs hasserfüllter Besuch im Bio-Supermarkt. Für einen eher antiquierten Erzähler in den mittleren Jahren ist die Sprache an vielen Stellen zu jugendlich, so bezeichnet Gossec unglaubwürdige Ausreden als „geradezu steil“ und Zuhälter erinnern ihn an ein „Gangsta oder Pimp-Video“. Bronski schafft aber insgesamt einen mitreißenden Erzählfluss, der einen über manche Unzulänglichkeiten hinwegsehen lässt und in dem sich durchaus treffende Formulierungen ausmachen lassen: „Zwicklhuber war ein jovialer Edelbayer. Sein Dialekt kam so breitmäulig herüber, als trüge jedes einzelne Wort ein Lodenhütchen.“
Beifall für den Blues
Als Motto ist München Blues der Songtext von Aaron Walkers „Stormy Monday“ vorangestellt. Dieses Lied spielt am Ende des Romans Julius Balser mit seiner Blues- und Rockband. Er quält sich mit schwitzigen Fingern unsicher durch den Gitarrenpart, bevor er mit einem überraschend furiosen Solo das Publikum doch noch zu Begeisterungsstürmen hinreißt.
Max Bronskis München Blues hat einiges mit Balsers Interpretation des Bluesklassikers gemeinsam. Die Handlung seines Romans ist nämlich ebenfalls ganz bewusst als eine Art Coverversion konzipiert, orientiert sie sich doch in ihren Grundzügen an Mike Figgis gleichnamigem Film Stormy Monday aus dem Jahr 1988. Leider erschöpfen sich die Parallelen zwischen Balsers Auftritt und Bronskis Roman nicht im selbstironisch-augenzwinkernden Spiel mit der Lied- bzw. Filmvorlage. Auch Bronski kommt in seiner „Coverversion“ an so mancher Stelle ins Schwitzen und langt ab und zu daneben. Doch dank seiner meist amüsanten Sprache und des furiosen Wilhelm Gossecs ist dem Autor vielleicht nicht unbedingt ein Begeisterungssturm, aber sicherlich ein ordentlicher Beifall sicher. Zumindest stellt ein Gossec-Krimi zu ein paar Weißbieren die passendere Lektüre dar als ein „Prinz Eisenherz“-Buch.
Tobias Kaiser
Max Bronski: München Blues. Gebunden. Verlag Kunstmann 2007. 174 Seiten. 16,90 Euro