Folgende These: Literarisches schreiben zeichnet sich dadurch aus, dass es die Dinge nicht nur benennt, sondern eben auch beschreibt. So, dass sie vor dem Auge des glücklichen Lesers bildhaft werden. Auf der anderen Seite steht das triviale Schreiben, das sich vor allem auf Figuren und Handlung konzentriert. So viel passiert hintereinanderweg und ist so spannend arrangiert, so weit ist der Leser den Figuren schon nach wenigen Seiten gefolgt, dass er das Buch bis zum Ende nicht aus der Hand legen mag. Es sind Bücher wie diese, die er liest wie ein Süchtiger, selbst wenn in drei Stunden am Montagmorgen der Wecker klingelt.
Harlan Cobans Roman „Das Spiel seines Lebens“ ist ein waschechter Krimi, ausgezeichnet mit dem Anthony Award und dem Edgar Award, beides Trophäen dieses Genres. Und tatsächlich: Was in diesem Buch nicht auf den ersten 50 Seiten schon alles passiert!
Der New Yorker Sportagent und Ex-FBI Mann Myron Bolitar gewinnt den vielversprechendsten Einsteiger in die National Football League, Christian Stelle, als Klienten. Kurz vor Vertragsabschluss taucht ein Bild von Christians ehemaliger Verlobten Kathy in der aktuellen Ausgabe eines Pornoheftes auf, was zum einen seinen Marktwert senkt, zum anderen Fragen aufwirft, da Kathy seit 18 Monaten verschwunden ist und als ermordet gilt. Ebenfalls ermordet wurde Kathys Vater, bei einem Raubüberfall lange nach dem Verschwinden seiner Tochter, und Kathys Schwester, die bekannte Autorin Jessica, glaubt nicht an einen Zufall. Sie sieht eine Verbindung zwischen den beiden Verbrechen und bittet Myron ein paar Recherchen anzustellen. Und gern sagt Myron zu, handelt es sich bei Jessica doch zufällig um die Liebe seines Lebens. Und was für ein Ärger, dass ausgerechnet in diesem Moment die Mafia ein Kopfgeld auf ihn aussetzt.
Sprachlich, wie gesagt, spielt Harlan Cobens Buch nicht in der ersten Liga. Die wörtliche Rede ist hölzern, die reichlichen Metaphern sind Klischees oder nahe am Kalauer. „Ihr Aussehen wirkte wie ein Phaser in Raumschiff Enterprise, der auf `Betäuben´ eingestellt war. Ihr Lächeln war die `Töten´-Stufe.“ Jedoch: Auch der Leser, der sich hier nicht auf die Schenkel klopft, mag sich unterhalten fühlen, sobald er sich nicht nur auf ein Buch der Kategorie E-, sondern auch auf eines der U-Literatur einlassen mag. Harlan Coban streut Pointen immer dann, wenn sein Roman etwas Auflockerung vertragen kann. Er setzt eine überraschende Wendung, wann immer der Spannungsbogen zu gleichmäßig steigt, und eine Liebesszene, wenn Entspannung vom Kriminalfall Wohl tut.
Eine zweite These: Gute Unterhaltungs-Literatur erkennt der Leser daran, dass ihm die schreibhandwerklichen Mittel, die der Autor eingesetzt hat, nicht ständig aufstoßen. Und wenn sie auffallen, dann soll es egal sein, dann will der Leser dem Autor längst aus der Hand fressen und jeden spannungssteigernden Aufschub der Lösung schnurrend zur Kenntnis nehmen. Selbst, wenn in zwei Stunden am Montagmorgen der Wecker klingelt.
Harlan Cobens Geschichte hat keine zweite Ebene, die Erzählstruktur ist niemals ironisch gebrochen. Es gibt kein postmodernes Genrebewusstsein. Die Geschichte ist eine Geschichte, der Held ist gut. Schmökern bleibt Schmökern. Die durchwachte Nacht über einem solchen Buch jedoch ist etwas anderes als ein stundenlanger Kampf mit der Fernbedienung auf der Suche nach passenden Bildern. Schmökern ist Auszeit, ein kleines bisschen Urlaub. Und nicht umsonst findet man Bücher wie dieses besonders gern in Ferienhäusern.
Matthias Teiting
Harlan Coben: Das Spiel seines Lebens. Goldmann-Verlag, 381 Seiten, 14,90 DM, ISBN 3-442-54149-2