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Freitag, 25. Mai 2012 | 22:28

 

Alicia Giménez-Bartlett: Hundstage

12.02.2004

 

Unterhaltungsliteratur vom Feinsten

Mit Alicia Giménez-Bartlett hat die UT metro Reihe einmal mehr ihre exzellente Spürnase beim Schnüffeln in der gehobenen internationalen Kriminalliteratur unter Beweis gestellt.

 

Alicia Giménez-Bartlett’s „Hundstage“ beginnen vielversprechend, und die gelungene Eröffnung geht auch nahtlos über in einen durchweg stimmigen Plot: Ein Unbekannter wird bewusstlos aufgefunden – ganz offenbar zusammengeschlagen. Die einzige Spur zu seiner Identität und zu möglichen Tätern und Motiven führt über einen Hund, der verlassen in einer Wohnung entdeckt wird und das komatöse Opfer im Krankenbett unzweideutig als sein Herrchen identifiziert, bevor dieser bald darauf seinen Verletzungen erliegt. Aus Körperverletzung wird also Mord oder zumindest Totschlag.

Fortan führen die Ermittlungen von Inspectora Petra Delicado und Subinspector Fermín Garzón mitten hinein in ein wenig bekanntes Terrain, nämlich der (oftmals halbseidenen) Geschäftemacherei rund um den Hund: Rassenzüchtung, Tierversuche, Hundesalons, Kampfhunde, illegale Hundekämpfe... ein wirklich originelles, noch nicht ausgeschlachtetes Krimi-Areal hat sich Giménez-Bartlett hier ausgesucht, und sorgfältig recherchiert dazu. Erfreulich ist, dass kein künstlich aufgesetzter und abgedroschener Actionismus bemüht wird, um der Story Drive und Spannung zu verleihen. Die Geschichte funktioniert von ganz allein, auch ohne oberflächlich zelebrierten Nervenkitzel am laufenden Band - oder gerade deswegen.

Ein ausgewogenes Gleichgewicht aus sprachlicher Genauigkeit, Witz und einem flotten, vorantreibenden Erzählfluss durchzieht dieses Buch, überzeugend und mitreißend. Die Ermittlungen werden leichthändig verwoben mit privaten und ach so alltäglichen zwischenmenschlichen Problem(ch?)en. So schlägt sich die - nicht mehr ganz junge und zweifach geschiedene - Protagonistin nach gängigen Maßstäben reichlich uncool und umso glaubwürdiger mit dem ewig jungen Zwiespalt herum, nochmals das Wagnis einer (Ver-) Bindung einzugehen oder sich endgültig hinter Selbstschutzmechanismen zu verschanzen und in zwar leidenschaftsloser, aber eben: Sicherheit zu verharren.

Gleich zu Beginn werden wir mit diesem Konflikt konfrontiert, wenn eine alte Nachbarin ihr beiläufig eröffnet, dass ihr Haus früher ein Bordell gewesen sei, und diese Enthüllung die Inspectora ins Grübeln über ihren inneren Rückzug bringt und gleichzeitig Begehrlichkeiten weckt: „Wahrscheinlich versuchte ich irgendeinen Nachhall der vergangenen Leidenschaften aufzuspüren, die in diesen Wänden ausgelebt worden waren. Aber nichts... wahrscheinlich hatten die Maurer die ganze Sinnlichkeit zugemauert... Dies bedeutete geistiges Wachrütteln ohne allzu direkte Konsequenzen für mein Leben. Das Schicksal übernimmt das Neutralisieren der Impulse, die zu persönlichen Umwälzungen führen, noch immer selbst.“

Es entwickelt sich ein dichtes Geflecht aus ermittlungstechnisch bedingten Begegnungen und persönlich motivierten privaten Fortsetzungen, das mit einer Menge kleiner schöner Einfälle garniert wird – wie etwa dem Einschleusen des Hundes ins Krankenhaus oder dem skurrilen Gebaren eines Unternehmens namens Rescat dog, das sich der Wiederbeschaffung vermisster Hunde verschrieben hat. Die Charaktere, gerade auch der Randfiguren, sind wunderbar treffend gezeichnet - sei es die junge ängstliche Angestellte einer dubiosen Immobilienfirma, sei es der Tierheimverwalter oder der weltläufige Pharmazieprofessor. Allenfalls die hier und da etwas gezwungen daher kommende Ironie und die stellenweise etwas klischeehaften, zu dick aufgetragenen Ränkespiele zwischen dem Ermittler-Pärchen sind manchmal etwas störend, weil überflüssig. So ist beispielsweise der ‚running gag’ des unbeholfenen Garzón, der von seiner Chefin in Kochkunst und Haushaltsführung eingewiesen werden muss, einfach überstrapaziert. Und wenn sich die Inspectora höchstpersönlich mit Bildern wie „Er sah wunderbar aus, wie ein wilder, von der Zivilisation gebändigter Husar...“ an der Schönheit ihres verehrten Tierarztes ergötzt, dann muss mit der geschätzten Autorin wohl für einen Moment der Gaul durchgegangen sein.

Aber das waren sie dann auch schon, die wenigen Wermutstropfen, und sie ändern nichts daran: mit Alicia Giménez-Bartlett hat die UT metro Reihe einmal mehr ihre exzellente Spürnase beim Schnüffeln in der gehobenen internationalen Kriminalliteratur unter Beweis gestellt - „Hundstage“ ist Unterhaltungsliteratur vom Feinsten. Und so verwundert es auch nicht, dass die Delicado-Romane in Spanien mit großem Erfolg als Fernsehserie verfilmt wurden. Der kluge, sympathische Witz, eingebettet in originelle und psychologisch stimmige Geschichten aus dem gesellschaftlichen Unterbau, erinnern an die erfolgreiche „Liebling Kreuzberg“- Reihe nach dem Drehbuch von Jurek Becker, die sich ja hierzulande ebenfalls größter Beliebtheit erfreute.

Anselm Brakhage

Die ersten Sätze des Buches:

Es gibt Tage, die beginnen merkwürdig. Du wachst auf, kommst zu Bewusstsein, stehst auf, machst Kaffee... und trotzdem übersteigt die Vorstellung der Zukunft die Zeitspanne eines Arbeitstages. Ohne weiter nach vorne zu blicken, siehst du. Daraufhin nimmt jede Handlung eine gewisse prophetische Note an. „Es wird was passieren“, sagst du dir und verlässt das Haus in der Bereitschaft, aufmerksam und empfänglich, durchlässig für das Unverhersehbare und vernünftig in der Realität zu sein.


Alicia Giménez-Bartlett: Hundstage. Aus dem Spanischen von Sibylle Martin. Unionsverlag 2001, ut metro-Reihe, 316 Seiten, DM 18,90. ISBN 3-293-20196-2

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