Im Frühjahr 2004 wird der stellvertretende Staatsanwalt Felix Chacaltana aus Lima in seine Heimatstadt Ayacucho zurückversetzt. Hier, in dieser abgelegenen Provinz Perus, lag eine Hochburg des Leuchtenden Pfades, jener wohl wirkungsmächtigsten terroristischen Bewegung Südamerikas, die sich seit 1980 einen erbarmungslosen Krieg mit der peruanischen Armee lieferte. 70.000 Menschenleben hat, zögerlichen Schätzungen zufolge, dieser Bürgerkrieg gekostet, etwa gleich viele auf beiden Seiten. Glaubt man dem Militärkommandanten in Ayacucho, ist dieses Kapitel der jüngeren Geschichte Perus jedoch abgeschlossen. „Es gibt keinen Terrorismus mehr“ – dies ist mehr als ein Befund, für Chacaltana ist es ein Befehl, den er zu befolgen hat, als nach den Ausschweifungen des Karnevals eine bis zur Unkenntlichkeit verbrannte Leiche gefunden wird. Und so schreibt Chacaltana einen Bericht, aus dem hervorgeht, der Tote habe sich im Rausch selbst angezündet. Ein Unfall, mehr nicht. Zur Anerkennung seiner vorbildlichen Aufklärungsarbeit wird Chacaltana in ein Andendorf geschickt, um den ordnungsgemäßen Ablauf der Präsidentschaftswahlen zu überwachen. Abermals gerät er in Konflikt mit Vertretern des Militärs, weil die toten Hunde an den Laternen und die nächtlichen Feuer in den Bergen, die im Zeichen von Hammer und Sichel brennen, nicht mit den Beteuerungen zusammenpassen wollen, es gebe keinen Terrorismus mehr.
Santiago Roncagliolo (Jg. 1975), der heute in Barcelona lebt und sein Geld als Drehbuchautor und Journalist verdient, hat früher selbst für eine Menschenrechtsorganisation gearbeitet und mit Angehörigen von Opfern des Bürgerkriegs gesprochen. „Irgendwann reduzierte sich der Unterschied zwischen Gut und Böse für mich darauf zu entscheiden, welche Mörder mir lieber waren“, sagt er in einem Interview. Viele der Dialoge in
Roter April basieren auf Zitaten und Protokollen, ebenso seien die Schilderungen der Angriffsmethoden des Leuchtenden Pfades und die Beschreibungen der Strategien zur Bekämpfung so genannter subversiver Elemente, von Folter und Verschwinden von Personen real, heißt es in einem Nachtrag zu dem Roman. Darin erzählt Roncagliolo von Menschen, deren Gegenwart die Vergangenheit ist, und davon, wie deren Leben gerade deshalb von den Toten bestimmt wird, weil die Vergangenheit tot geschwiegen wird. „Niemand wollte davon sprechen. Weder die Militärs noch die Polizisten, noch die Zivilbevölkerung. Sie hatten die Erinnerung an den Krieg gemeinsam mit seinen Opfern begraben. Chacaltana dachte, daß die Erinnerung an die achtziger Jahre wie die stumme Erde von Friedhöfen war. Das einzige, was alle teilen, das einzige, worüber niemand spricht.“
Chacaltana ermittelt auf eigene Faust, und bald tauchen weitere grausam zugerichtete Tote auf, allen fehlen Beine oder Arme, bis Chacaltana aufgeht, dass es nur noch eines Kopfes bedarf, bis ein Körper aus Toten komplett ist, und dass er selbst in dieses Mordgeflecht verstrickt ist. Wer den Film „Sieben“ kennt, wird sich daran erinnert fühlen, und wer ein Gefühl für Muster des Genres entwickelt hat, wird auch die Bewegung registrieren, mit der
Roter April sich vom Zeitgeschichtskrimi zum Psychopathenroman wandelt, um am Ende beides zu sein. Roncagliolo verwischt jedoch mehr als Spartengrenzen innerhalb eines Genres, vielmehr verschwimmen im Bewusstsein seiner Figur auch die scheinbar stabilen Grenzen zwischen Recht und Unrecht. Chacaltanas Weltbild basiert auf der Vorstellung, dass nicht sein kann, was nicht sein darf, das Gesetz verschafft ihm den Maßstab, an dem er die Welt misst. Als ihm dieser sicher geglaubte Rückhalt wegbricht, verliert er genau den Boden unter den Füßen, der ihn von Beginn an zu einer lächerlichen Figur gemacht hat, denn Roncagliolos Ermittler eignet sich nicht als Identifikationsangebot. Chacaltana ist kein Antiheld, sondern im besten Falle ein grotesker Schwächling.
Eine zusätzliche Raffinesse gewinnt der Roman aus der Verteilung der Erzählstimmen, aus der sich ein Rätsel eigener Art ergibt – die auch buchstäblich zu verstehende Frage nämlich, wer hier das Sagen hat. Zwischen die Erzählung der nach Tagen datierten Handlung schiebt sich eine zweite Stimme, die nur mehr oder weniger wirres Gestammel zu Papier bringt. Als Chacaltana den Verfasser dieser Blätter findet, ist diese Erhellung der Aufklärung der rätselhaften Mordserie mindestens ebenbürtig, umso mehr, als damit noch nicht das letzte Wort gesprochen ist, denn am Ende der Ermittlungen und des Buches steht ordnungsgemäß wieder ein Bericht. Und der legt es nahe, mit der Lektüre von vorne zu beginnen.
Andreas Martin Widmann
Santiago Roncagliolo: Roter April (Abril rojo, 2006). Aus dem Spanischen von Angelica Ammar. Suhrkamp 2008. 333 Seiten. 19,80 Euro.