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Freitag, 25. Mai 2012 | 22:28

 

Linus Reichlin: Die Sehnsucht der Atome

15.03.2008

Samstag ist Krimitag

Einstürzende Theoriebauten


Wie souveräne Erzählkunst analogienpralle Sinnhuberei letztlich in den Dreck der Wirklichkeit befördert. Oder warum eine gute Geschichte der Unschärfetheorie allemal überlegen ist.

 

Manchmal entscheidet das Steckenpferd des Protagonisten, ob etwas Krimi ist oder doch schon Literatur. Martinitrinker, zum Beispiel. Eine angenehme Art, seine Feierabende zu verbringen, aber natürlich plattes Genre. Hingegen: Hobby-Quantenphysiker! Da quillt die Sinnhaftigkeit aus jedem Wort, jonglieren die Analogien mit sich selbst, kurz: Literatur für die zerfurchte Denkerstirn.Die Sehnsucht der Atome von Linus Reichlin ist, so betrachtet und im Wortsinn, HÖHERE Literatur; das Erzählte Ableitung eines alles überlagernden, immer wieder Sinn zuführenden naturwissenschaftlich-philosophischen Systems, der ebenso mysteriösen wie sämtliche Alltagslogik außer Kraft setzenden Quantenphysik. Was aber zugleich bedeutet: Die Geschichte selbst besitzt keine Souveränität. Und das ist allemal gut für einen kräftigen Verriss.

Hannes Jensen, 50, bereit für die Frühverrentung, schiebt als Polizeibeamter Dienst im belgischen Brügge, wohin es den gebürtigen Deutschen einst der Liebe wegen verschlagen hat. Doch die (vermögende) Frau ist tot; der Vorgesetzte ein bornierter Deutschenhasser; über Jensens Existenz liegt ein permanent destruktives kindliches Trauma. Dass es in Brügge unablässig regnet, versteht sich fast von selbst. Abends in seiner versifften Junggesellenwohnung trinkt Jensen drei Halbliterdosen Bier, Freunde hat er keine, aber er freut sich auf den Ruhestand und den wissenschaftlichen Versuch, den er dann endlich durchführen kann: das Doppelspalt-Experiment nämlich, wir erinnern uns, „bei dem sich das Wunder der Zweifaltigkeit (ereignet), weil das Elektron sich in zwei Welten aufzuspalten (vermag).“ Dann aber macht ein alkoholkranker amerikanischer Tourist, der sich mit seinen beiden Kindern, zehnjährige männliche Zwillinge, auf einer Weltreise befindet, Jensen einen dicken Strich durch die Rechnung. Der Amerikaner fühlt sich bedroht, Jensen begleitet ihn ins Hotel, wo er die Zwillinge kennen lernt, zwei merkwürdige Betbrüder, die ihren Vater so hassen wie er sie.
Am nächsten Tag ist der Amerikaner tot und Jensen, der den Fall unterschätzt und nicht sehr professionell bearbeitet hat, steckt in der Klemme. Die Todesursache ist unbekannt, man bastelt eine Notlösung, die aber so unwahrscheinlich ist, dass man von einem „Wunder“ sprechen kann. Die beiden Kinder sind verschwunden, abgereist, zurück nach Arizona zur Mutter, dahin muss auch Jensen. Eine seltsame und schöne Blinde schließt sich ihm an, sie möchte eine mexikanische Gesundbeterin ausfindig machen, die als Kindermädchen der Zwillinge tätig ist. Also ab nach Arizona – und gleich weiter nach Mexiko in die Sierra Madre.

Bis zu diesem Punkt hält uns nur ein Faktum davon ab, das Buch erschöpft und verärgert zuzuklappen. Linus Reichlin kann schreiben. Inmitten all der Analogien zu Elektronen, Atomen und der Wahrscheinlichkeitsrechnung finden sich immer wieder schöne Passagen, gelungene Miniaturen, lakonische Beschreibungen. Die Geschichte selbst jedoch kommt dermaßen bedeutungsschwanger daher, dass eine geradezu monströse Kopfgeburt befürchtet werden muss.
Dabei hat sich der enervierte Leser die hochtrabenden Analogien längst auf die profane Ebene heruntergebrochen, auf die das Konstrukt letzten Endes hinabstürzen muss: Elektronen sehnen sich nach Vollständigkeit – und auch der arme Jensen fühlt sich irgendwie „nicht komplett“. Wunder gibt es immer wieder – aber laut Wahrscheinlichkeitsrechnung höchst selten. Selbst der alte philosophische Klassiker von der Welt, die nur existiert, wenn sie wahrgenommen wird, feiert fröhliche Urständ.

Ja, und dann das Überraschende. Sobald die beiden Reisenden amerikanischen Boden betreten, beginnt Reichlin zu erzählen. Er formt Schicksale, skizziert sie eindrucksvoll, wenige Andeutungen braucht es nur, um eindringliche Lebensläufe zu erschaffen, die Bedeutungs- und Sinnmaschinerie läuft sich zwar nicht tot, reduziert sich aber auf das, was sie ist: ein Hilfskonstrukt für Jensen, sich sein Leben zu erklären. Sie ist keine Strategie des Erzählers mehr, der endlich Erzähler sein darf.

Das ist sehr gelungen, sehr glaubhaft, sehr genau und filigran gearbeitet, selbst das seltsame Verhältnis zwischen dem fast servilen Jensen und der despotischen Blinden erhält so seine Erdung, wie überhaupt alles aus der Abstraktheit der Theorie in den Dreck der Wirklichkeit gezogen wird, auch das buchstäblich, denn die Sierra Madre ist eine Hölle mit wilden Tieren, eine lebensfeindliche Schlammwelt. Auch am Ende macht Reichlin alles richtig. Es gibt einen Kriminalfall, aber es ist nicht der, zu dessen Aufklärung Jensen aufgebrochen ist. Die entscheidende Frage bleibt – absolut genreuntypisch – unbeantwortet, und hier, aber auch nur hier, ist die Analogie zur Quantenphysik statthaft. Wir sehen wohl, dass etwas so ist, wie es ist, aber wir sind zu klein, um es zu verstehen.
Die Sehnsucht der Atome ist ein Kriminalroman, der seiner Leserschaft einiges abverlangt. Es lohnt sich aber.

Dieter Paul Rudolph


Linus Reichlin: Die Sehnsucht der Atome. Kriminalroman. Eichborn Berlin 2008. 360 Seiten. 19,95 Euro.

 

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