Zum Teufel mit den Schwedenkrimis. Zuerst schockieren sie einen mit einem grässlichen Mord, hier: Ein Rentner wird mittels Lachsspeer ausgeweidet und stirbt folglich wie ein Lachs. Dann fliegt die hauptstädtische Polizistin Therese zum Ermitteln ins nordschwedische Tornedal, wo sie Finnisch, nein, Meänkieli, reden. Das ist denen da oben noch nie gut bekommen; man hat ihre Sprache unterdrückt, ihre Kultur lächerlich gemacht, und jetzt nehmen sie schwedische Namen an und wandern gen Süden, immer in Sorge, dass man den primitiven Hinterwäldler raushört.
Und sofort gerät Therese in den uns nur allzu bekannten schwedischen Krimisumpf. Die Leute saufen oder verwahrlosen anderweitig, das Mordopfer war ein Schwein, erst Lehrer, dann Zöllner, immer vorne dran, wenn es galt, das Meänkieli und seine Sprecher zu drangsalieren. Mögliche Täter mit handfesten Motiven gibt es ergo zuhauf, den eigenbrötlerischen Esaias beispielsweise. Ausgerechnet in ihn verliebt sich Therese – ein Wunder, wäre es anders gekommen. Schließlich verhaftet man ein Gaunerpärchen, das alte Leute in ihren Häusern ausraubt und zur Tatzeit am Tatort beobachtet wurde. Fall scheinbar gelöst, Therese reist schweren Herzens ab. Verschnaufpause für ein paar Sätze Grundsätzliches.
Bis zu Thereses Abreise hat Mikael Niemi Stück um Stück das in schwedischer Krimiwohnlichkeit obligatorische Gesinnungsmobiliar platziert. Sie wissen schon: Die handlichen Unappetitlichkeiten mit so ulkigen Namen wie „Polizeifaschismus“, „Missbrauch der Staatsgewalt“, „soziale Verwahrlosung“ und, ganz speziell, „Unterdrückung von Minderheiten“. Dazu kriselt es im Protagonistinnenhirn schwer existentiell, eigentlich überflüssig, das zu erwähnen. Man kennt ja die bunten Kataloge, wie sie einem seit Mankell ins Haus flattern, „Denkst du noch oder glaubst du schon?“, und der Affirmationszwang solcher Darstellungen von „Wirklichkeit“ überfällt einen wie jeder Brechreiz unvermutet und unaufhaltsam. Zum Teufel mit den Schwedenkrimis.
Denn das Üble ist ja, dass es „in Wirklichkeit“ all den von pseudokritischen Innenarchitekten für den Realitäts-User aufgeschütteten Polit- und Sozialunrat tatsächlich gibt. Nur eben sehr viel verstörender, komplexer, dreckiger vor allem, und genauso sollte auch die Literatur sein, die ihn ab- und nachbildet. Kein stapel- und abwaschbarer Betroffenheitskitsch als Aussitzgelegenheit. Aber was echauffiert man sich. Die Mode der umweltverträglichen Gesellschaftskritik ist längst über Schwedens Grenzen geschwappt, ein Bonusstromstoß beim Krimikribbeln, zwei lausige Volt, die keinem wehtun.
Das andere, das eben verstörend komplexe Dreckige verkauft sich nicht oder doch schlechter als momentan etwa die hanebüchenen und dickleibigen Romane eines Stieg Larsson. Auch das ist etwas Grundsätzliches, etwas Wahres und Trauriges, womit wir aber wieder zum Speziellen kommen, zu Mikael Niemi und seinem eigenen Weg in die Wirklichkeit.
Kriminalliterarischer IKEA-SesselEs ist so, als würde man sämtliche Schrauben aus dem kriminalliterarischen IKEA-Sessel drehen. Zunächst versandet die eigentliche Kriminalgeschichte. Therese ist wieder in Stockholm, Esaias noch im Tornedal. Die „Wirklichkeit“ transzendiert ins Phantastische, auf einem Speicher, wo Esaias mit etwas Animalischem konfrontiert wird, was zunächst auch wieder schwedenkrimihaft erscheint, übersinnlich-mysteriös halt, sich dann aber völlig überraschend materialisiert. Esaias fährt nach Stockholm, und dieses Animalische hat Menschengestalt angenommen, fährt ebenfalls nach Stockholm, ergreift Besitz von Therese. Das klingt jetzt, gelinde gesagt, merkwürdig, ist aber doch eine uralte literarische Technik – das Arbeiten mit Allegorien. Die Personen werden zu Sinnbildern für die Wurzel ihres Herkommens, für die Heimatlosigkeit, das Getriebensein. Auch umgekehrt funktioniert das: Die Personen abstrahieren sich selbst zu den Ideen, aus denen sie gewachsen sind. Und während uns das noch beschäftigt, transzendiert es erneut, katapultiert uns aus der Handlung in die historische Vergangenheit, und wir erfahren, welcher diplomatischen Willkür die Tornedaler ihr böses Geschick verdanken, damals, als Russland Finnland überrannte und die Grenzlinien aufs Geratewohl zog.
So etwas kann schief gehen, steht und fällt mit der Konstruktion, damit, dass etwas nicht nur Sinn sein soll, sondern auch Sinn ergeben muss. Und das tut es bei Niemi in der behutsamen Darstellung dieses metamorphotischen Prozesses durchaus. Am Ende sind wir der Baukastenwirklichkeit der Handlung entkommen und endlich dort, wo sich Alltag, Mythos und Geschichte durchdringen, wo Menschen immer auch allegorische Figuren sind, Sinn-Träger. Nicht Identitätssuche und -findung sind das eigentliche Thema des Romans; er untersucht die Natur der Identität und findet sie in ihrer transzendentalen Verfremdung.
Die Auflösung des Mordfalls selbst kommt sehr überraschend und fügt sich völlig in dieses neue und komplexe System von Wirklichkeit ein. Weitere logische Transzendenzen, Erinnerungen an die Art, wie man in Australien mit den Aborigines verfuhr oder in Amerika mit den Indianern.
Mikael Niemi, der selbst aus dem Tornedal stammt und dessen
Populärmusik aus Vittula auch hierzulande von Publikum und Kritik wohlwollend aufgenommen wurde, zeigt uns in
Der Mann, der starb wie ein Lachs eine auf die Kraft der Literatur vertrauende Alternative für den Umgang mit „Wirklichkeit“. Das ist weder neu (wir erinnern uns an Leo Perutz) noch ein konkurrierender Gegenentwurf zu, sagen wir: dem Konzept eines Derek Raymond, dem Bannerträger der „Drecktheorie“. Aber es funktioniert. Prächtig sogar.
Dieter Paul Rudolph
Mikael Niemi: Der Mann, der starb wie ein Lachs (Mannen som dog som en lax, 2006). Roman. Aus dem Schwedischen von Christel Hildebrandt. Btb 2008. 352 Seiten. 19,95 Euro.