Wenn einem zu einem Krimi nichts einfällt, es aber Krimi sein muss (der Verleger verlangt es, der Zeitgeist verlangt es), dann schreibt man eine Krimipersiflage. Oder „spielt mit dem Genre“ und hofft darauf, dass sich genügend Kritiker finden, die hinter dem Spaß beliebigen Ernst entdecken. Ist man zudem Kultautor (zurzeit gibt es beinahe keine anderen), wird die Kultgemeinde zudem mit Weihrauch nicht sparen.
Es sind also düstere Vorahnungen, mit denen man die Lektüre von
Bad Monkeys beginnt. Matt Ruff ist tatsächlich „Kultautor“, sein Roman schon nach wenigen Seiten als Persiflage erkennbar. Die Geschichte der 36-jährigen Jane Charlotte, die wegen Mordes im Gefängnis sitzt und dort einem Psychiater Episoden aus ihrem turbulenten Leben erzählt, beginnt auf bewährte Schelminnenromanweise,
Zazie in der Metro rauscht vage vorbei, wenngleich bedenklich on dope. Schon als 14-Jährige überführt Jane den Hausmeister ihrer Schule als Massenmörder, zu dumm, dass die Polizei das anders sieht. Zu ihrem Bruder ist Jane überhaupt nicht nett und von ihrer Mutter wird sie daher abgeschoben. Doch längst hat jemand anderes ein mütterliches Auge auf die Kleine geworfen: die Organisation. Sie ist das allgegenwärtig Gute und wuchert unter dem Leitmotiv „omnes mundum facimus“ („Wir alle machen die Welt“) mit ihrem moralischen Pfund, der Gerechtigkeit. Oder profaner: Die Organisation beseitigt Verbrecher, „schlechte Affen“, auf ganz und gar ökonomische Kosten-Nutzen-Art.
Auch Jane wird so ein Teil der unermüdlichen Weltsäuberung, auch wenn man ihr in der „Organisation“ noch nicht so recht traut. Sie nimmt zu viele Drogen und hält sich „Schoßjungs“, außerdem ist sie undiszipliniert und verdirbt jede Aktion durch mangelnde Disziplin.
Und so witzelt sich die Geschichte dahin. Mit etlichen Höhepunkten, das muss man schon sagen, aberwitzig hübschen Miniaturen, die den Leser bei der Stange halten. Natürlich ahnt dieser Leser auch, wo der Clou des Ganzen liegen muss. In der ständigen Spekulation, ob Jane nun die Wahrheit sagt oder ihren Psychiater dreist belügt. Die Organisation jedenfalls ist ein Konstrukt aus sämtlichen Versatzstücken einschlägiger Literatur, irgendwo zwischen Big Brother, Serialkiller-Hype und futuristischer Gerechtigkeitsbürokratie, zum Schluss gar, wenn sich „die böse Jane und die gute Jane“ gegenüberstehen, mit einem Schuss Sci-Fi-Comic abgeschmeckt. Klar, dass es auch eine Gegenorganisation gibt, „die Bande“. Und wer zu wem gehört oder nur vorgibt, zu diesen oder jenen zu gehören, das ist am Ende der verwirrende Höhepunkt, das Gute wird böse, das Böse wird gut, kennen wir schon.
Von der turbulenten Party in die karge ZelleNa toll. Brauchen wir so etwas? Stiehlt uns dieses Froufrou nicht doch, nüchtern betrachtet, Lese- und Lebenszeit, einzig dadurch zu rechtfertigen, dass Jane Charlottes Geschichte aufgedreht und – verglichen mit der kalkulierten Lässigkeit erfolgreicher Creative-Writing-Absolventen – stellenweise wirklich witzig ist? Entschädigt der beim Lesen automatisch aktivierte Einbau der üblichen Metaebenen in die Geschichte (der Gegensatz von Wirklichkeit und Phantasie, Überwachungsstaat, das organisierte Gute als Moloch etc.) wirklich für deren definitive Flüchtigkeit?
Überraschende Antwort: nein. Auf Seite 184 von
Bad Monkeys stellt der Psychiater eine alles erklärende und sofort ernüchternde Frage, die sämtliche bisher entwickelten Deutungsmuster in wenigen Worten vom Tisch fegt. Und wir erkennen: Diese Frage hätten wir uns eigentlich längst selbst stellen sollen (hätten wir nur eine bestimmte Passage um Seite 100 genauer gelesen). Von diesem Moment an jedenfalls ist Jane Charlotte eine andere. Eine bis zum Wahnsinn leidende Frau, ein heruntergekommener Junkie, vielleicht auch nur das von Schuld erdrückte 14-jährige Mädchen, das sich die nächsten 22 Jahre seines Lebens herbeiphantasiert, um nicht in ihrer Wirklichkeit erwachsen werden zu müssen.
Diese neue Erkenntnis ist sehr konkret, sie ist anrührend und hat nichts mehr mit den wohlfeilen Theorien zu tun, dank derer es uns gelungen ist, dem lustigen Irrwitz einen intellektuellen Sinn zu verpassen. Es ist wahrlich selten, dass man als Leser so abrupt aus der zwanglosen Witzigkeit in die schiere Verzweiflung gekippt wird, aus der ewigen turbulenten Party in Jane Charlottes Kopf hinaus in die karge Zelle, in der sie dahindämmert. Und, ganz wichtig, es ist vollkommen logisch. Es ist die Wirklichkeit.
Matt Ruffs
Bad Monkeys erzählt uns eine Menge über die konstruktive Kraft des Humors und noch etwas mehr über die Kraft der Literatur selbst, die, wenn sie gut ist, ja immer auch Krimi ist. Ein ernsthafter Krimi jenseits der Kultigkeit, der er wohl dennoch anheim fallen dürfte. Wäre schade drum.
Dieter Paul Rudolph
Matt Ruff: Bad Monkeys (Bad Monkeys, 2007). Roman. Aus dem Amerikanischen von Giovanni und Ditte Bandini. Hanser 2008. 252 Seiten. 19,90 Euro.