Esther Vogel, die Ehefrau des erblindeten Protagonisten Kommissar Vogel, wird von ihrem Mann nicht mehr gesehen, buchstäblich. Eigentlich hatte sie gehofft, dass seine Verrentung und die Auseinandersetzung mit seiner Behinderung ihn endlich wieder näher zu ihr bringen würde, die Familie wieder verbinden könnte, doch Jonas Vogel verändert sich nicht. „Einmal Polizist immer Polizist“, lautet sein Wahlspruch, und deshalb lässt er sich bei einer Geiselnahme gegen die Geisel Silvia austauschen. Seine Sinnesschärfe, die Fähigkeit, am Unsagbaren und Ungesagten das zu hören, was seinen Geiselnehmer Julius ausmachen könnte, verlässt ihn im sozialen Nahbereich. Deshalb gibt es für Vogel nur die Täter und die Opfer, denen er sich anscheinend nähern kann.
Der zweite Band der „Seher“-Serie von Friedrich Ani
AWer tötet, handelt arbeitet das Sehen und damit auch den Wunsch von Liebenden, sich im anderen zu sehen, weiter aus. Das Sehen ist ein wiederkehrendes Thema, das sich schon bei den Vermissten-Fällen des Tabor Süden gefunden hat, dito in Anis letztem Roman
Hinter blinden Fenstern, und das jetzt in der „Seher“-Reihe zum Leitmotiv wird. Der Geiselnehmer Julius sieht Silvia, seine zukünftige Geisel, beim Tanzen – Silvia sieht, wie ihre Eltern getötet werden. Sie kann die Bilder vertreiben, nicht die Geräusche. Kommissar Vogels Sohn Max, selbst Polizist, sieht, wie seine Mutter an ihrer Unsichtbarkeit zugrunde geht. Keiner der Beteiligten kann eine Beziehung frei von Abhängigkeit, Schuldgefühlen oder Drohungen eingehen und alle sind, wie meistens bei Ani, einsam. Nur Roderich, der Hund, den der blinde Jonas Vogel spazieren führt, hat sich für eine lebenslange Bindung entschieden, tapst durch das Ensemble und kann als einziger wortlos und intuitiv richtig agieren.
Dieses Beziehungsgeflecht schält Friedrich Ani heraus, erzeugt Mitgefühl und kein Mitleid, schaut aber nicht von oben herab. Das Verbrechen ist nur das Gerüst, an dem die alltäglichen Nöte, die großen Traumata, der Wunsch nach einem Ende oder nach dem Weitermachen festgemacht werden.
Die kürzeren Serien-Krimis unterstreichen Anis besonderes Talent, das in den umfangreicheren „Polonius-Fischer“-Romanen manchmal untergeht: Mit wenigen Worten zum Wesentlichen kommen und nichts auslassen. Die anderen Stärken, seine reduzierten Dialoge, seine gut gesetzten Perspektivwechsel zählen ja bei unserem besprochenen Autor fast als Selbstverständlichkeit und wären bei manch anderen äußerst wünschenswert.
Sabina Schutter
Friedrich Ani: Wer tötet handelt. Roman. dtv 2008. 172 Seiten. 7,95 Euro.