Ländliche Idylle - einen solchen Rahmen in Form einer gottverlassenen Feriensiedlung wählen Jana und Frike aus Berlin, um ihr junges Glück zu festigen. Doch aus dem kuscheligen Wochenende wird nichts, denn Jana bekommt hohes Fieber. Frike verschwindet auf der Suche nach Hilfe spurlos im Schneegestöber auf der Landstraße und taucht erst Tage später, liebevoll drapiert, als Leiche ohne Kopf wieder auf. Sowohl Jana als auch das ermittelnde Kommissarspaar dringen bei ihren Ermittlungen in die finstersten Tiefen menschlicher sexueller Neigungen vor.
Zoophilie – die sexuelle Liebe zu Tieren – ist das Leitmotiv, das das schrille Berliner Allround-Talent Annette Berr in ihrem ersten umfangreichen Thriller nach der kurzen Fingerübung
Schwarzes Öl (2006) thematisiert und sich damit auf ein gewagtes (und unappetitliches) Terrain begibt – immerhin war sie damit für den „Glauser“ 2008 nominiert.
Wo endet die Liebe, wo beginnt die Perversion?Dass Berr sich mit etlichen Spielarten der Liebe bestens auskennt, hat sie bereits mit ihren Veröffentlichungen erotischer Kurzgeschichten sowie mit ihren Kabarettprogrammen, die sich deutlich erkennbar ausschließlich an Erwachsene richten, unter Beweis gestellt. Auch ihr neuer Thriller eignet sich nicht gerade als heimelige Gute-Nacht-Lektüre für Elizabeth-George-Fans, da braucht es schon ein etwas abgehärteteres Nervenkostüm, um mit Berr die psychischen und/oder sexuellen Abgründe ihrer Protagonisten auszuloten. Denn es sind nicht nur die Täter, sondern auch die Opfer und die Ermittler, die ihr Päckchen zu tragen und im Alltag mehr oder weniger erfolgreich zu verarbeiten haben. Genau das macht den Reiz dieses Buches aus, die fließenden Grenzen zwischen den vermeintlich Guten und Bösen, die fast beliebige Verschiebbarkeit von moralischen und gesetzlichen Werten, die emotionslos beschrieben werden. So ist Janas Lektüre des von Reportern illegal beschafften Obduktionsberichts ihrer Geliebten ein gekonnter Kunstgriff, um die ganze Tragödie dieses unnötigen und gewaltsamen Todes zu offenbaren. Bis hart an die Schmerzgrenze des Voyeurismus gehen Berrs Beschreibungen sexueller Praktiken ebenso wie ihre sehr detaillierten Schilderungen des Mordes und anderer Gewalt. Die Provinz hat ihre Unschuld längst verloren und das Mäntelchen des Schweigens erleichtert gemeinsam mit der bequemen Anonymität des Internets die Realisierung der perversen Schweinereien, die den ultimativen Kick bescheren sollen.
Mitunter nervt die etwas platte Westentaschenpsychologie, mit der Berr die Handlungsmotive ihrer Figuren zu erklären sucht, zumal sie auf diese Weise schon relativ früh die Identität des Mörders offenbart. Letztlich ist es ihr aber gelungen, lebendige Persönlichkeiten zu erschaffen (wunderbar ihre beiden altgedienten Kommissare, die sich wie ein blind aufeinander eingespieltes Ehepaar verhalten), deren Emotionen einfühlsam zu beschreiben und ihren Lesern dadurch viel Raum für eigene Wertungen zu lassen. Zartbesaitete Gemüter sollten allerdings die Finger von diesem Buch lassen, Alpträume garantiert!
Beate Mainka
Annette Berr: Die Stille nach dem Mord. Roman. konkursbuch Verlag Claudia Gehrke 2007. 446 Seiten. 12,90 Euro.