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Freitag, 25. Mai 2012 | 22:29

 

Georges Simenon: Maigret und Pietr der Lette

10.05.2008

Samstag ist Krimitag

Lesen! Und dabei ein bisschen ärgern!


Wer braucht sämtliche Maigrets? Wir alle natürlich. Aber brauchen wir sie SO? Enthusiastische und enttäuschte Worte von Dieter Paul Rudolph zu einer lobenswerten Edition und einer verpassten Chance.

 

Nein, es ist nicht dramatisch. Wie Manna fällt die neue, chronologisch geordnete Maigret-Edition nicht ab sofort in wöchentlichen Rationen vom Himmel auf die nach Atzung schreienden Simenonisten und solche, die es werden wollen. Ist doch der gute Stoff aus dem Hause Diogenes löblicherweise seit Jahren lieferbar, als wohlfeile Taschenbücher, manches auch gebunden fürs gehobene Bücherregal oder gesprochen für die Leseunlustigen. Astreiner Reklamehype sind die 75 Maigret-Papp- mit Lesebändchen, zum 80. Geburtstag des pfeiferauchenden Protagonisten inszeniert, und – gut so. Der Verleger könnte sich auch mit einem Megaphon auf den Zürcher Marktplatz stellen und seinen Simenon anpreisen; wir fänden es wunderbar, wenns denn was bewirken würde. Denn auch das Werk des fleißigen Franzosen droht mangels frischen Leserbluts in seiner Klassizität zu erstarren.

Wem nützt die neue Edition? Den angepeilten neuen Leserschichten nur insoweit, als das schwere Paket mit großem Getöse durch die Medien geschleppt wird und Aufmerksamkeit erregt, die hoffentlich zum Kaufimpuls wird. Nur: Kaufen kann man es ja schon, zwar nicht mit aufgedruckter chronologischer Hausnummer, aber immerhin. Dass die laufenden Buchmeter ein „Sammlerstück“ werden, ungelesen ins Regal wandern, weil sie halt schon gelesen worden sind, aber halt arg nett fürs Auge – geschenkt auch das. Noch einmal: Was bietet die neue Edition (die keine Neuedition ist; dazu kommen wir noch) dem Neuleser?
Zunächst, leider: ein paar ärgerliche Details. Klappt man den ersten Maigret Pietr der Lette auf, wird man mit einem bunten Parisstadtplan konfrontiert (dessen eineiiger Zwilling uns auch aus dem Werk entlässt), der nicht etwa die Seinemetropole von 1929 zeigt, was einigen Sinn machen würde, sondern Paris aujourd'hui, was überhaupt keinen Sinn macht und, weil man sich dabei unübersehbar aus dem Werbemittelfundus des Kaufhauses Lafayette bedient hat, ziemlicher Unsinn ist. Nun ja, dafür kann Simenon nichts.
Auch nichts dafür, dass der Erstling angeblich in „Fécamp, Paris und Bremen spielt“, was völlig zutrifft, wenn man Bremen streicht. Okay, kann passieren, Kleinigkeit. Delikater verhält es sich hingegen mit der vollmundigen Ankündigung, uns erwarteten die 75 Bändchen „in revidierter Übersetzung“. Das kann eigentlich nur heißen, dass ein jedes von ihnen hinsichtlich seiner Eindeutschung kritischen Auges überprüft wurde – trifft aber wenigstens bei Pietr der Lette nicht zu. Der kommt zwar in „überarbeiteter Form“ daher, doch stammt die aus dem Jahr 1999. Eine missverständliche Anpreisung, gelinde ausgedrückt.

In Ordnung. Das verbuchen wir, immer noch erfreut über die Simenon entgegengebrachte Aufmerksamkeit, als Bagatellen. Eine schlimme Ahnung bemächtigt sich unserer gleichwohl, die nämlich, hier sei eine seltene Chance vertan worden, Simenon nachgewachsenen Generationen ganz besonders liebevoll ans Herz zu legen. Stattdessen: ein simpler Nachdruck, mechanische – nun ja: Lieblosigkeit. Das mir vorliegende Bändchen enthält nicht einmal fundamentalste biografische Angaben zum Autor, dafür aber das lächerliche Statement eines sicheren Peter Zimmermann vom Österreichischen Rundfunk, Georges Simenon sei „der wichtigste Schriftsteller des 20. Jahrhunderts“. Oha.
Als einziges Bonusdokument wird uns Simenons bekannte Äußerung zum Geburtsmoment des Jules Maigret auf einer Druckseite gegönnt. Interessant. Und völlig ungenügend. Zwar erwähnt hier Simenon beiläufig die zahllosen Groschenromane, die er vor 1929 unter diversen Pseudonymen verfasste, spricht vom „ernsteren Genre“, dem er sich mit Maigret zuzuwenden gedenke, und verblüfft uns mit dem Geständnis, den Pietr in weniger als einer Woche fabriziert zu haben – doch was das für die Figur des Maigret bedeutet, ja, dass die Kolportageerfahrung des Autors ein notwendiger Schlüssel zum Verständnis des Phänomens Maigret sein könnte – darüber kein Wort oder wenigstens ein paar Fakta zum Selbstzusammenreimen.

Wie auch. Die ganze Serie wird nicht herausgeberisch betreut, die Gelegenheit zu Handreichungen und Erläuterungen bleibt schmählich ungenutzt. Was bleibt, sind die Texte Simenons selbst, was natürlich viel ist, aber angesichts der Möglichkeiten nicht genug.

Im Trivialen zeigt sich das Reale

Jules Maigret, wie er uns in Pietr der Lette zum ersten Mal begegnet, ist zunächst ein typischer Vertreter der Kolportage, die man in den zwanziger Jahren en masse auf die spannungssüchtige Menschheit losgelassen hat. Es geht um Verbrecherbanden, einen Doppelgänger, ein Familiendrama, man schießt, wie im Revolverbusiness üblich, der ganze Kasus wird einem am Ende ausführlich erläutert – nein, das hätte sein Erscheinungsjahr kaum überlebt, wäre nicht ER auf der Bühne erschienen: Jules Maigret, der Mann mit der Pfeife und dem Zylinder, introvertiert, mürrisch, immer der Patron, aber auch immer mit der Gabe des genauen Beobachtens gesegnet.
Man kann mit Fug und Recht annehmen, Simenon selbst habe keine Ahnung gehabt, was für eine Figur er da schnellfingrig ins Leben zog, jedes weitere Abenteuer sei auch ein Abenteuer der Differenzierung gewesen, ein work in progress. Doch schon in Pietr der Lette (weder einer der besten noch der schlechtesten Maigrets) wird das Triviale auf seine Wortbedeutung zurückgeführt, auf das Alltägliche der Gesten, von denen die Geschichte etliche wunderbare Exempel enthält, das Herüberreichen eines Tabakbeutels etwa oder die Körperhaltung eines Vagabunden beim Absinthtrinken, kleinste mimische Aktionen, von denen der Sinnesapparat des Kriminalisten unfehlbar auf Existentielles schließt.
Das sind die ätherischen Partikel im Maigret-Kosmos, in wenige Wörter, Sätze gegossen, was – mag es auch mancher nicht gerne hören – seinen Ursprung in Simenons Kolportagevergangenheit hat, dem Flüchtigen, atemlos Skizzierten, Nichtelaborierten. Das macht den Unterschied: Maigret beobachtet. Die Kleinigkeiten, die Absonderlichkeiten, die alltäglichen Gänge und Stillstände, immer ein wenig distanziert, am Ende beinahe fatalistisch. Im Trivialen zeigt sich das Reale. So gesehen ist Simenon durchaus ein bedeutender Autor des 20. Jahrhunderts, im Krimisegment sogar noch ein bisschen mehr.

Also: Gnadenlos dem Hype aufsitzen, kaufen, Stück für Stück lesen – und dabei ein wenig ärgern, weil es ja hätte besser kommen können mit diesem Geburtstagsgeschenk, dem die Kerzen fehlen. Vielleicht brennen sie zum Hundertsten.

Dieter Paul Rudolph


Georges Simenon: Maigret und Pietr der Lette (Pietr-le-Letton, 1929). Roman. Aus dem Französischen von Wolfram Schäfer. Band 1 von Sämtliche Maigret-Romane in 75 Bänden. Diogenes 2008. 192 Seiten. 9,00 Euro.

 

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