In ihren frühen und für die Konturierung des Genres entscheidenden Momenten war Kriminalliteratur zumeist Expertensache. Wer einen Fall durchschauen und aufklären wollte, brauchte besondere Fähigkeiten, sei es ein überragendes Deduktionsvermögen (Poes Auguste Dupin), eine brillante Beobachtungsgabe (Doyles Sherlock Holmes) oder einen Meisterbrief in religiöser Seelenerfahrungskunde (Chestertons Father Brown). Irgendwann ereignete sich, jedenfalls partiell, ein Paradigmenwechsel. Die grüblerisch-selbstzweiflerischen Detektive von Chandler bis Mankell wurden zu Zehnkämpfern, nichts konnten sie wirklich richtig, doch in summa genügte das für einen soliden Job. Seit einigen Jahren erleben wir die Renaissance des Expertentums: Rechtsmedizinerinnen, Profiler, Wahrsager, Hellseher und andere Psychologen frönen der mehr oder weniger exakten Wissenschaft, und sei die auch noch so pseudo-empirische Faktenhuberei, die auch im Krimi das erreicht, was sie immer erreicht: vor so viel Wissen und Autorität eingeschüchterte Leser, die das Knirschen im methodischen und dramaturgischen Gebälk nicht mehr hören. Zeiten, in denen alles „empirisch zu beweisen“ ist, sind zumeist schlechte, verwirrende Zeiten.
Und jetzt auch das noch: eine Menschenleserin, Kathryn Dance, „spezialisiert auf Vernehmungen und Kinesik – Körpersprache“. Körpersprache? Das kann man per se für gröberen Unfug halten, nicht weil es das nicht gäbe, aber weil auch dieser Zweig des Behavioristischen in praxi interpretatorischer Willkür und Zufälligkeiten unterliegt. Agentin Dance vom CBI, dem California Bureau of Investigation, lässt überdies – was die Sache ziemlich obskur macht – nicht nur die Körper, sondern auch die Sprache sprechen. Wer „ich schwörs“ sagt, ist schon der Lüge überführt.
Daniel Pell hat vor acht Jahren eine Familie ausgelöscht, nur eine Tochter, weil sie schlief „Schlafpuppe“ getauft, überlebte das Massaker. Pell, ein charismatischer Verführer, hatte selbst eine „Familie“ um sich geschart, junge Frauen zumeist, die er ebenso nach Gutdünken lesen konnte wie Dance ihre Klientel. Jetzt ist ihm die Flucht gelungen, und die Polizistin macht sich auf die Suche nach dem Mörder, der seinerseits eine Blutspur über die malerische Halbinsel Monterey zieht.
Kein Zweifel: Wir werden Zeugen eines Duells von Quasiberufskollegen, von Manipulateuren. Hier der menschliche Lügendetektor Dance, dort der Rattenfänger Pell; sie hat sich auf Lügen spezialisiert, um die Wahrheit herauszufinden, er findet die Wahrheit heraus und bastelt die passenden Lügen dazu.
Der Roman beginnt beinahe im Stil einer aufgesetzten Dragnet-/Stahlnetz-Distanz. Die Figuren werden oberflächlich charakterisiert, bleiben also ziemlich uninteressant, das Bemerkenswerteste an Dance etwa ist, dass sie auf den Spuren des großen Feldforschers Alan Lomax wandelt und „american folkmusic“ archiviert. Dann recht bald zerfällt der Erzählteppich in Iterationen eines bestimmten Musters: Dance/Pell beobachten winzige Details des Verhaltens ihrer „Opfer“, deuten sie und treffen Vorkehrungen, die erkannten Schwächen und Lügen auszunutzen. Dieses Verfahren wird bis zur Lächerlichkeit vorangetrieben, etwa wenn Kathryn Dance die Tochter eines Zeugen ausliest:
„Sonjas Gewicht ist ein Problem, merkte Dance. Die Eltern sollten sich lieber schnell darum kümmern, obwohl ihnen angesichts des eigenen Körperbaus vermutlich nicht klar ist, welche Schwierigkeiten das Kind bereits damit hat. Kathryns kinesisches Fachwissen gestattete ihr vielerlei Einblicke in die psychischen und emotionalen Schwächen der Menschen, und sie musste sich immer wieder selbst ermahnen, dass sie eine Ermittlungsbeamtin war und keine Therapeutin.“
Mehr noch als lächerlich ist das bedrohlich. Deaver entfaltet hier eine bis ins letzte Detail lesbare Welt, deren Akteure zwar hinsichtlich ihrer Ziele grundverschieden sein mögen, sich aber bei der Wahl ihrer Mittel nicht voneinander unterscheiden. Und wie schnell sich Ziele ändern können, wissen wir.
Dann inszeniert Deaver etwas sehr Seltenes: Er desavouiert seine Protagonisten, ihre Methoden und mit ihnen das vorgebliche Primat des Wissenschaftlichen. Aus den ach so rational handelnden Puppenspielern werden in zwei überraschenden Wendungen der Story Opfer ihrer eigenen Techniken. Ein zweites Mal handelt Deaver gegen die Konvention. Er begibt sich in Person des Autors Morton Nagle selbst in seinen Text und macht klar, worum es geht. Nagle, mit einigem Augenzwinkern als leicht übergewichtiger, ungepflegter Schreiber eingeführt, arbeitet an einem Buch über die Verbrechen des Daniel Pell. Doch nicht ihn, seine Opfer soll es thematisieren. Es ist bezeichnenderweise kein Roman, den Nagle schreiben möchte, sondern ein Sachbuch mit dem Titel
The Sleeping Doll – und genauso heißt Deavers Roman im Original.
Die Menschenleserin steckt voller Opfer: traumatisierte, erniedrigte Menschen, und wer das Buch auch als Fallstudie (fast ein Sachbuch ...) über Opferwerden und Opfersein liest, der wird diese in der Kriminalliteratur gemeinhin instrumentalisierte und marginalisierte Spezies nicht allein auf dem Schuldkonto des unzweifelhaften Bösewichts Pell entdecken. Auch Kathryn Dances Menschenleserei fabriziert Opfer, und dass sie sich endlich selbst auf den Leim geht, rundet das Bild gerade dort, wo es zeigt, wie aus Opfern Täter werden können und umgekehrt.
Dass sich Deavers Buch auch zur Befriedigung reiner Unterhaltensbedürfnisse, ergo tat- und täterorientiert lesen lässt, weder mit Action noch Suspense spart, sei der Vollständigkeit halber erwähnt. Deaver bedient mit gewohnter Souveränität jedes Publikum – am sichersten profitiert indes, wer das Bücherlesen ernst nimmt. Auch wenn man dabei so schrecklich irren kann wie die Experten Dance und Pell beim Menschenlesen.
Dieter Paul Rudolph
Jeffery Deaver: Die Menschenleserin (The Sleeping Doll, 2007). Roman. Deutsch von Thomas Haufschild. Blanvalet 2008. 542 Seiten. 19,90 Euro