Detective Inspector Richard Thornhill aus dem kleinstädtischen Lydmouth, Wales ist auf dem Höhepunkt seiner Karriere, als ihn seine Vergangenheit einholt. Gegen Ende des britischen Mandats in Palästina 1947 hat Thornhill als unerfahrener, dort stationierter Polizist Dinge gesehen und getan, die er lieber verdrängt. Das Auftauchen seines damaligen Vorgesetzten in Lydmouth und dessen Ermordung, die ihn selbst zu einem Verdächtigen macht, zwingen ihn zu einem Balanceakt zwischen Ermittlung und Vertuschung, zwischen dem Einstehen für die Fehler der Vergangenheit und der Rettung seiner Reputation.
Goldmann legt heuer den fünften übersetzten Titel der mehrfach preisgekrönten, im englischen Original bereits acht Bände umfassenden Lydmouth-Serie um die fiktive anglo-walisische Grenzstadt in den 50er-Jahren vor. Wegen seines desolaten Nervenkostüms sowieso bereits in Zwangsurlaub geschickt, muss sich der eher matt strahlende Held der Serie dieses Mal nicht nur mit zwei Verfolgern herumschlagen; wegen seiner Vergangenheit, die in Rückblicken peu à peu aufgerollt wird, ist er dabei auch noch ein sehr einsamer Polizist ohne den Rückhalt der Kollegen, geschweige denn der Familie. Dazu kommt ein ohnehin depressiv stimmender Dauerregen, der die Lydmouth umgebenden Flüsse über die Ufer steigen lässt.
Denn wer von euch ohne Schuld ist ...
Dem stellt Andrew Taylor die zunächst mehr als banal erscheinenden, die weibliche Bevölkerung allerdings in helle Aufregung versetzenden Vorbereitungsaktivitäten für den alljährlichen Wohltätigkeitsball entgegen, der nicht nur durch das steigende Hochwasser gefährdet scheint. Der Diebstahl einer Geldbörse in der Tanzschule, die Detektivspiele von Thornhills Tochter und ihrer Freundin, das zunehmend befremdliche Verhalten der Freundin der Tanzlehrerin, die pubertären Gefühlsstürme der Tanzschüler, all diese kleinen alltäglichen Katastrophen scheinen auf die eine große für Thornhill hinzudeuten, auf die der Leser wartet. Doch weit gefehlt, der gewiefte Krimiautor löst seine Geschichte auf elegantere, völlig überraschende Weise auf.
Die besonderen Stärken Taylors liegen in seiner brillanten Beobachtungsgabe, die ihn greifbare Persönlichkeiten erschaffen lässt, seinen geschliffenen, realitätsnahen Dialogen, die jedem Drehbuchautor zur Ehre gereichen würden, und seiner abwartenden Gelassenheit und Ruhe, mit der er seiner Geschichte viel Raum gibt, sich zu entwickeln, ohne an Spannung zu verlieren. Jeder seiner zahlreichen Handlungsstränge dient dazu, die Atmosphäre jener Zeit gekonnt einzufangen und die vielfältigen gesellschaftlichen Zwänge und Normen, denen seine Protagonisten unterworfen sind, nachvollziehbar zu machen.
Hinzu kommen seine eindrucksvollen Frauenfiguren, die in dem von Männern dominierten Polizistenumfeld nicht nur als schmückendes Beiwerk dienen, sondern selbst aktiv werden und nicht zuletzt, angeführt von Thornhills geduldiger, einfühlsamer und mutiger Ehefrau Edith, dem Fall zur entscheidenden Wendung verhelfen. Und dass eine Krähe der anderen kein Auge aushackt, das war auch in den 50ern schon so.
Beate Mainka
Andrew Taylor: Der Ruf des Henkers (Naked to the Hangman, 2006). Roman. Aus dem Englischen von Isabel Bogdan. Goldmann Verlag 2008. 474 Seiten. 8,95 Euro.