Manfred Wieninger: Rostige Flügel
31.05.2008
Stets im Dienst, oft zu Tisch
Wer aufgrund eines unumgänglichen Termins gezwungen ist, eine Folge seiner Lieblingsserie zu verpassen, der steht in der Regel ziemlich auf dem Schlauch. Warum und wann Jacqueline ihren Nachbarn Georg geheiratet hat, das lässt sich im Nachhinein nur noch schwerlich nachvollziehen. Von STEFAN HEUER
Wie beruhigend, dass diese schrecklichen Spätfolgen nicht bei allen Serien auftreten. Der im niederösterreichischen St. Pölten lebende Manfred Wieninger liefert mit den Fällen seines selbst ernannten „Diskont-Detektivs“ Marek Miert eine wohltuende Ausnahme. Nach Zeiten des Wechsels (1999 erschien im Europa Verlag der Erstling Der dreizehnte Mann, 2001 folgte Falsches Spiel mit Marek Miert als rororo Taschenbuch) scheinen Wieningers Kriminalromane mit dem Haymon Verlag nun eine feste Heimat gefunden zu haben – nach Der Engel der letzten Stunde (2005) und Kalte Monde (2006) liegt dort nun der bereits fünfte Miert-Band vor: Rostige Flügel. Man muss nicht alle Bände gelesen haben, auch ohne Vorkenntnisse erschließt sich das Universum schnell: Marek Miert ist nach wie vor die vertraute Mixtur aus Miss Marple (Spürsinn haben und trotzdem in die Falle laufen), Inspektor Clouseau (Trotteligkeit) und Horst Schimanski (markige Ausdrucksweise gepaart mit dem Hang zu ungesundem Essen und unglücklicher Liebe), ein wenig der Anflug einer Karikatur. Auch der Anfang des neuen Buches zeigt ihn, wie er sich selbst am liebsten sieht: essend. Unterbrochen wird seine Mahlzeit durch eine unangemeldet auftauchende Frau, die ihn mit der Beschattung ihres Ehemanns beauftragt. Hermann Frischauf, so sein Name, habe in der letzten Zeit mehrere Drohungen erhalten, in Form von Briefen, aber auch von toten Tieren in Schachteln. Angestachelt durch eine kräftige Anzahlung, nimmt Miert den Fall an und die Verfolgung des Mannes auf. Nachdem er den Buchhändler in dessen Mittagspause abgepasst und mit dem Auto stadtauswärts gefolgt ist, löst sich die unbemerkte Observation durch detektivisches Unvermögen in Wohlgefallen auf und bringt die beiden ins direkte Gespräch. Nach kurzem Palaver klärt Frischauf den Detektiv darüber auf, dass er sich geradezu fanatisch der Recherche zu einem bislang offiziell und hartnäckig verleugneten Zwangsarbeiterlager vor den Toren Harlands verschrieben habe – einem Lager, in dem in der NS-Zeit Zwangsarbeiter als billige Arbeitskräfte ausgebeutet und oftmals bis zum Tode geschunden wurden. Die Nachforschungen gestalten sich schwierig, im Stadtarchiv verschwinden nach und nach sämtliche Akten über die ehemaligen NSDAP-Mitglieder des Städtchens, erhalten Unterlagen einen Sperrvermerk; augenscheinlich lässt jemand seine Beziehungen spielen, um die Vergangenheit alteingesessener Bürger mit dem Mantel des Verschleierns zu bedecken. Und jetzt also ein forschender Buchhändler, der seine Erkenntnisse als Buch zu publizieren gedenkt ...
Abseits der geraden Wege
Dies also ist die Ausgangslage, aus der sich eine Miert-typische Bezugsreihe von Schuld und Sühne, Moral und Unmoral herauskristallisiert. Wieninger legt wenig Wert darauf, in seinen Büchern schnell zum Sch(l)uss zu kommen, nur zu gerne lässt er sich zu ausführlichen Gedankenspielen zu den unterschiedlichsten Themen verleiten. Und auch seinem ermittelnden Protagonisten Miert scheinen keine geraden Wege vorbestimmt zu sein. Neben der anfänglichen Haupthandlung entspannen sich noch weitere Nebenschauplätze, die sich im Laufe des Buches als echte Krisengebiete entpuppen. Da ist der renitente Pensionär Goritschnig, der als Reaktion auf die Drogensucht seiner Nichte einen von Rache getriebenen Privatkrieg gegen die Pulver-Mafia führt und Miert mit hineinzieht. Da sind seine koffeinsuchtgetriebenen Besuche bei Madame Sybilla, der Puffmutter des abgetakelten Stundenhotels „Miramar“, parallel dazu die Begegnungen mit seiner nicht heimlichen, aber eben doch unerwiderten Liebe, einer Sommelière in einem Nobel-Restaurant, in deren Gegenwart er nur Gaumenfreuden genießen darf. Und da ist auch seine bereits in den vorangegangenen Bänden geschilderte Privatfehde mit Oberleutnant Gabloner, der seit Mierts Ausscheiden aus dem Polizeidienst keine Möglichkeit auslässt, seinen ehemaligen Untergebenen zu triezen – in diesem Fall erpresst er ihn zunächst zur Zusammenarbeit mit der Polizei, um ihn anschließend bei einer Razzia öffentlich als Informanten zu nennen, so dass Miert nichts anderes übrig bleibt, als sich auf die Flucht vor der ukrainischen Mafia zu begeben. Gekonnt lässt Wieninger die Handlungsstränge nach und nach zusammenlaufen, Miert gelingt es größtenteils, die einzelnen Fälle zum Wohle aller Protagonisten miteinander zu verquicken. Der Fortgang scheint absehbar, bis sich herausstellt, dass es sich bei seiner anfänglichen Auftraggeberin keinesfalls um die Ehefrau von Hermann Frischauf gehandelt hat. Miert ist ratlos, und auch der Leser tappt ob der Verstrickungen noch erfrischend lange im Dunkeln – denn erstens kommt es anders und zweitens als man denkt. Angefixt, Herr Wieninger. Nachlegen, bitte!
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